Jörg Auberg
Deja vu in Permanenz
Dwight MacDonalds Reisen durch die Landschaften des Grauens


Wie ein Hund endet Josef K. In Kafkas Höllenlandschaften des Terrors und der Folter herrscht das »permanente déjà vu« (Theodor W. Adorno). Den rätselhaften Vorgängen ist die defätistische Erkenntnis eingeschrieben, dass es so ist, wie es ist, das Grauen unabänderlich der menschlichen Existenz anhaftet. Wie einen Hund führte die Soldatin Lynndie England auch einen nackten, vermummten irakischen Gefangenen an der Leine der Weltöffentlichkeit vor. Die Bilder des „Missbrauchs“ nahmen die Folterknechte auf, weil sie dachten, erzählte England einer Reporterin der New York Times, es sähe lustig aus. In einer hohnlachenden Parodie auf emanzipatorische Medientheorien aus grauer Vorzeit agiert der Kriegsverbrecher als Produzent, der seinen Spaß an der Gewalt mit der Digitalkamera dokumentiert und via E-Mail nicht allein an Gleichgesinnte verteilt, sondern auch die zerstreuten Kundschaften der digitalen Medien- und Pornoindustrien bedient. „Krieg führt nun einmal zu Sadismus“, konstatiert der amerikanische Philosoph und Herausgeber der ehemals sozialistischen Zeitschrift Dissent Michael Walzer, „und Gefangenenlager sind häufig Brutstätten dafür.“ Fatalistisch oder zynisch erklärt der Philosoph, dessen Hauptbeschäftigung die Unterscheidung zwischen gerechten und ungerechten Kriegen ist, die Folter und die Demütigung zu bloßen Seiteneffekten des Kriegsgeschäfts. „In den abscheulichen Bildern von jungen Amerikanern, die junge Iraker erniedrigen und foltern, erkennen wir“, doziert Walzer, „die moralische Physiognomie jener älteren Amerikaner, die in Washington am Hebel
sitzen.“1 Als politische Aktion empfiehlt er die Abwahl der aktuellen Regierung, und alles wird in seinem gewohnten Gang fortschreiten – bis zum nächsten Krieg, bis zum nächsten Horror, bis zur nächsten Folterkammer. Gewalt wird nicht geächtet, sondern Krieg im herrschenden Newspeak als „humanitäre Intervention“ euphemisiert, in der die Bedingungen für eine sanktionierte Brutalität geschaffen werden. In einer Zeit, da dem Pazifismus die Schuld für die Existenz von Terrorregimen und Todeslagern aufgebürdet wird, scheint es selbst in der kritischen Öffentlichkeit keinen legitimen Raum für eine gewaltlose Alternative zu geben: Im Gleichschritt der Truppen mar-schieren selbst einstige linke Aktivisten, Autoren und Intellektuelle, die zwar nie auf dem Appellplatz gedrillt wurden, nun aber ihr Faible für militärische Formationen entdecken.
Auch dies ist keineswegs neu. Bereits im Sommer 1941 erklärte der Bellizist George Orwell die Kriegsgegner zu Hitler-Anhängern und denunzierte den Pazifismus als „objektiv pro-faschistisch“.2 Tatsächlich gab es zum zweiten Weltkrieg keine Alternative, doch war er auch nicht lediglich der „gute Krieg“, als der er immer wieder beschrieben wird. Der unabdingbar notwendige Triumph über den Nazismus bedeutete nicht den Anbruch einer besseren Zeit, sondern lediglich die Möglichkeit, das gegenwärtig von den nazistischen Gewalthabern okkupierte Terrain zurückzugewinnen und einen neuen Anfang zu wagen. Das Dilemma linker Kriegsgegner wie Dwight Macdonalds war, dass ihre Alternative, die „revolutionäre Massenerhebung“ gegen den Faschismus, bloße Chimäre war. Doch im Gegensatz zu anderen Intellektuellen, die als „kritische Unterstützer“ den Krieg als Verteidigung der Demokratie gegen den Totalitarismus verklärten, befähigte die radikale Opposition Macdonald, grauenhafte Erscheinungen dieses „guten Krieges“ kritisch wahrzunehmen und in seiner kurzlebigen Zeitschrift Politics pointiert zur Sprache zu bringen.

 

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