Interview mit Mauro Berardi

Am Sonnabend war auf der Berlinale unter den Sondervorführungen ein italienischer Kollektivfilm über den G-8-Gipfel in Genua zu sehen. Das Projekt war lange geplant. Über 30 Regisseure und zahlreiche weitere italienische Filmschaffende schlossen sich zusammen, darunter Ettore Scola (Die Familie), Mario Monicelli, Francesco Maselli, Gillo Pontecorvo, Damiano Damigiani, die Brüder Taviani, Woody Allens Kameramann Carlo di Palma und der frühere Biennale-Leiter Carlo Lizzani. Ihr Ziel: Die Aktivitäten der ATTAC-Bewegung rund um den G8-Gipfel in Genua zu erfassen und davon ein anderes Bild zu zeigen, als es die Massenmedien bis dahin meist verbreitet hatten. Durch sie – und durch die suggestive Bezeichnung ATTAC – war der Eindruck von einer Horde Krawallmacher entstanden. Der Film sollte die andere Seite zeigen – Menschen, die Genua zum Ort eines friedlichen Happenings machen, die nach Alternativen zum Liberalismus und der fortschreitenden Verarmung der dritten Welt suchen. Statt der 40.000, die die Polizei erwartet hatte, kamen 300.000 Teilnehmer. Der Film, der fast ohne Worte auskommt, zeigt Momentaufnahmen aus der Stadt. Der Hafenvon Genua scheint plötzlich das Malecon von Havanna zu sein, dann fühlt man sich in den Karneval von Rio de Janeiro versetzt. Man sieht bunte multikulturelle Bilder, tanzende, fröhliche Menschen. Alle handeln sie aus einer einzigen Motivation heraus: Sie wollen eine andere Welt, und sie behaupten: un mondo diverso è possibile, die andere Welt ist möglich. »Wir sind die erste weltweite Bewegung«, sagt eine Teilnehmerin, »die einzig für eine bessere Welt kämpft, frei von Interessen und Ideologien. Bekanntlich wurde das Filmprojekt von einer anderen Wirklichkeit eingeholt – der zweite Teil zeigt Bilder von der Eskalation und vom Tod des Demonstranten. Der Intention, einer Utopie Farbe zu verleihen, bleiben die Regisseure treu: Francesco Maselli und Mauro Berardi waren soeben beim alternativen Weltsozialforum in Porto Allegre und haben wieder gefilmt. Der Titel erneut: Eine andere Welt ist möglich. Der Film sollte ursprünglich auf der Biennale in Venedig gezeigt werden.
Fast dieselben Filmschaffenden, die am kollektiven Film beteiligt waren, trafen sich kürzlich in Rom auf einer Versammlung, auf der Ettore Scola zum »Widerstand« gegen die Kulturpolitik Berlusconis aufrief. Gerade war bekannt geworden, dass Berlusconi nach dem Leiter der Biennale von Venedig, Alberto Barbera, nun auch der Leiter des Cinema Sperimentale, der nationalen Filmschule vorzeitig ersetzt worden war.

Interview mit Mauro Berardi, Produzent des Films »Un mondo diverso è possibile«

Wer hatte die Idee, diesen Film zu drehen?

Citto Maselli, der schon früher Erfahrung gesammelt hatte mit solchen Kollektivunternehmen.
Hatte er die Idee schon vor den Ausschreitungen auf dem Genua-Gipfel?
Ja, vorher! Da wussten wir absolut noch nicht, was passieren würde. Zwei Wochen vor Genua haben wir die Teams zusammengestellt.

War es schwer, so viele Filmschaffende für das Projekt zu gewinnen?

Im Gegenteil, es wurden zu viele. Vielen mussten wir absagen.

Wie gingen Sie praktisch vor? Wie sammelten Sie das Material?

Wir haben für die 35 Regisseure 25 Miniteams gebildet, je bestehend aus einem Regisseur, einem Kameramann und einem »Runner«, der sich vor Ort auskannte. Die Drehorte suchten wir nach thematischen Gesichtspunkten aus und gingen dann zum Filmen hin. Jeden Abend kam das Material herein und wurde geordnet und katalogisiert. Wir hatten ein Hauptquartier, wo sich alle versammelten und von wo die Teams wieder hinausgeschickt wurden. Insgesamt haben wir 300 Stunden Material verdreht. Oft hat man den Eindruck, dass die Ereignisse im Film gar nicht in Genua stattfinden, sondern z.B. in Südamerika. Alles wirkt sehr multikulturell.
Sicher, es sind ja auch Leute aus der ganzen Welt da bei diesen antiglobalen Veranstaltungen. Das macht ihren Reiz aus. Jetzt wieder in Porto Allegre. Nein, alles was man im Film sieht, ist in Genua passiert. Aus dem Material haben wir zwei Filme gemacht. Der erste, »Genua per noi«, ist ein anklagendes Video von Paulo Petrangeli, Wilma Labate etc,. Darin finden sich die härtesten Szenen und die Auseinandersetzungen. Der andere ist »Un mondo diverso è possibile« von Maselli, Scola, Monicelli, Pontecorvo, Soldini und vielen anderen und betont mehr den verbindenden internationalen Charakter.

Warum wurde der Film nicht in Venedig gezeigt?

Weil er noch nicht fertig war. Deshalb gab es dort nur eine Pressekonferenz.

Also spielten keine politischen oder ästhetischen Gründe mit?

Nein, absolut nicht. Nur das Material war noch nicht fertig.

 

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