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Ulrich Bröckling:
Grenzgänger
In der Theorie waren die Anarchisten rasch fertig mit den staatlichen
Grenzen: Sie sollten verschwinden wie die Staaten selbst, deren territoriale
Einheit als homogener Herrschaftsraum sie markierten. Freiheit kennt keine
Grenzen, hieß die Parole. An die Stelle der Inklusions-/Exklusions-Macht
staatlicher Souveränität sollte ein Netzwerk freiwilliger, stets
kündbarer Vereinbarungen zwischen souveränen Individuen und
Gruppen treten. Dem Ziel der Herrschaftslosigkeit korrespondierte ein
anthropologischer Optimismus: Wenn nur die Organe der Unterdrückung
und die Ideologien der Autorität abgeschafft wären, so die Überzeugung
der Anarchisten, würden die Menschen in spontaner Solidarität
ihre Beziehungen regeln. Wer Gütergemeinschaft und freie Assoziation
propagierte, dem mußte jede »Grenzenabstechung, diese gezwungene,
unnatürliche Trennung des Menschen von dem Menschen« als in
höchstem Maße »unverständlich und lächerlich«
erscheinen. »Denken wir uns«, schrieb 1842 der Handwerker-Kommunist
Wilhelm Weitling, noch kein Anarchist, aber schon ein veritabler Staatsfeind,
»die ganze Schöpfung sei ein großer Garten, der Schöpfer
sei der Gärtner und die ganze Menschheit sei ein Ameisenhaufen. Würde
nun der Gärtner es nicht im allgemeinen höchst unsinnig und
für ihn besonders höchst wunderlich und spaßhaft finden,
wenn er sehen würde, wie die Ameisen den ganzen Garten in verschiedene
Grenzen geteilt hätten, um deren Erweiterung und Verengerung sie
sich zu Tod bissen? Wer weiß, ob nicht auch unser törichtes
Treiben von einem vollkommneren Wesen beobachtet wird, ohne daß
wir etwas davon gewahr werden. Ob denn uns das nicht auch für dumme
Tiere halten muß, wenn es sieht, wie wir wegen einer Scholle Erde,
die wir nicht verlieren und nicht bekommen, einander abwürgen und
wie dem, der gut gewürgt hat, gefärbte Seidenraupenfasern auf
die Brust gehoften werden. [...] Das beste Mittel, den ewigen Grenzstreitigkeiten
ein Ende zu machen, ist, sie ganz aufzuheben!«1 Damit war alles
Wesentliche gesagt, und die Anarchisten attackierten die grenzziehende,
-sichernde und -verschiebende Macht des Leviathans im weiteren denn auch
vor allem indirekt im Rahmen ihrer antimilitaristischen Agitation. Während
ihre feindlichen Brüder, die Sozialdemokraten, sich nach Kräften
bemühten, den obrigkeitlichen Vorwurf zu widerlegen, sie seien »vaterlandslose
Gesellen«, machten die Antiautoritären aus dem Schimpfwort
ein Programm und erklärten es zur »heiligen Pflicht, die Ehre
der Vaterlandslosigkeit zu verteidigen.«
Was die Kritik erledigt hatte, war freilich noch nicht praktisch abgeschafft.
So selten die anarchistische Literatur den konstitutiven Zusammenhang
von Staatlichkeit und territorialen Grenzen zum expliziten Thema machte,
so allgegenwärtig sind in den Annalen der anarchistischen Bewegung
Berichte über Fluchten und Fluchthilfen, Ausweisungen, verweigerte
und gewährte Asyle, Schriftenschmuggel und falsche Pässe. Kaum
eine Seite in den Biographien ihrer Protagonisten, die nicht von freiwilligen
oder unfreiwilligen Exilen, von illegalen Grenzübertritten und polizeilichen
Abschiebungen erzählt. Gleich ob man sie einsperrte oder des Landes
verwies, mehr als andere Radikale bekamen die Libertären die Gewalt
der territorialen Demarkationslinien am eigenen Leibe zu spüren.
Oft genug bot die Flucht ins Ausland ihnen aber auch einen wenigstens
vorübergehenden Schutz vor ihren Verfolgern, obwohl die Behörden
alles daran setzten, beim Kampf gegen die antinationalen Feinde der Ordnung
über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg zu kooperieren. Insbesondere
in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg wurde die Abwehr der
eher imaginären als realen »anarchistischen Gefahr«
für die Sicherheitsorgane zu einem entscheidenden Movens, um ihre
Strategien zur Überwachung, Ein- und Ausschließung politischer
Opposition zu perfektionieren. Aus der Perspektive der Anarchisten waren
letztlich alle Staaten umzäunte und von uniformierten Aufsehern bewachte
Zwangsanstalten, aber es konnte das Leben retten oder zumindest vor jahrelanger
Einkerkerung bewahren, wenn es gelang, aus einem despotischen unter ein
liberal geführtes Regime zu entkommen. Nicht immer waren es allerdings
Gejagte und Vertriebene, die sich ins Ausland absetzten; gerade in der
Frühphase des organisierten Anarchismus spielten wandernde Handwerksgesellen
eine wichtige Rolle, die auf ihren Reisen die libertären Ideen aufnahmen
und weitertrugen. Die Geschichte des anarchistischen Grenzgängertums
spiegelt so nicht nur die Heterogenität einer zwischen individualistischen
und kollektivistischen, gewaltfreien und militanten, destruktiven und
konstruktiven Strömungen changierenden Bewegung, sondern faltet sich
auch auf in eine Vielfalt von Geschichten.
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SF 74
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