Noam Chomsky:
Mit unserer Hilfe


Unterscheiden Sie zwischen verschiedene Arten des Terrorismus, und wenn ja, wie?


Es gibt verschiedene Arten. Die Vereinigten Staaten haben natürlich vor 20 Jahren dem Terrorismus einen Krieg angesagt. Die Reagan-Regierung kam mit der Erklärung ins Amt, dass der Krieg gegen den Terrorismus die Grundlage der US-Außenpolitik sein würde. Um Reagan und George Schultz zu zitieren, wurde Terrorismus als ein Krieg verurteilt, der von verdorbenen Gegner der Zivilisation selbst geführt wurde, eine Rückkehr in die Barbarei in unserer Zeit, eine üble Plage. Ihre Aufmerksamkeit galt hauptsächlich dem was sie als staatlich unterstützten, internationalen Terrorismus bezeichneten. So war der Bombenanschlag in Oklahoma City Terrorismus, aber nicht staatlich unterstützter, internationaler Terrorismus.
Ich definiere Terrorismus genau so wie sie es tun. Nach dieser Definition ist es nicht kontrovers, dass die Vereinigten Staaten ein führender terroristischer Staat sind. Im Grunde, der einzige Staat, der jemals von den höchsten Instanzen wegen internationalem Terrorismus verurteilt worden ist: vom Internationalen Gerichtshof im Jahr 1986 [für die Unterstützung der Contras gegen Nicaragua] und der nachfolgenden Resolution des Sicherheitsrates kurz danach. Die Vereinigten Staaten haben sie durch ein Veto blockiert.

Wie unterscheiden Sie zwischen dem was Sie als US-Terrorismus ansehen, und dem al-Quaida Terrorismus am 11. September?

Der eine ist staatlicher Terrorismus, der andere ist privater Terrorismus.

Wie denken Sie, sollten beide Fälle behandelt werden?

Nicaragua ging das Problem des Terrorismus auf genau die richtige Weise an. Es befolgte das internationale Gesetz und die Verträge, denen es verpflichtet war. Es sammelte Beweise, legte die Beweise dem höchsten existierenden Tribunal vor, dem Internationalen Gerichtshof, und erhielt ein Urteil – das die Vereinigten Staaten natürlich mit Verachtung straften. Das Gericht rief die Vereinigten Staaten auf, das Verbrechen einzustellen und wesentliche Reparationszahlungen zu leisten. Die U.S. antworteten darauf, indem sie den Krieg unverzüglich eskalierten und neue Geldmittel zur Verfügung stellten. Tatsächlich gingen die offiziellen U.S.-Befehle zu einem noch extremeren Terrorismus über. Die Contra Streitkräfte wurden angehalten sogenannte »weiche Ziele« anzugreifen, also ungeschützte zivile Ziele, und den Kampf gegen die nicaraguanische Armee zu vermeiden. Das ging so weiter bis 1990. Nicaragua befolgte alle korrekten Prozeduren, konnte aber natürlich nichts erreichen, weil die U.S. sich einfach nicht an sie hielten. In diesem Fall war es nicht nötig eine polizeili-che Ermittlung durchzuführen. Die Fakten waren eindeutig.

Und die al-Qaida?

Im Falle eines Terrorismus wie dem der al-Qaida – ich nehme wie alle anderen an, dass al-Qaida für den 11. September verantwortlich gewesen ist, oder irgendein Netzwerk das ihnen sehr ähnelt – ist die richtige Vorgehensweise von anderen aufgezeigt worden. In der aktuellen Ausgabe von Foreign Affairs gibt es zum Beispiel einen Artikel von einem prominenten anglo-amerikanischen Militärhistoriker, Michael Howard, eine sehr konservative Persönlichkeit, der die US-Politik und die Politik Großbritanniens sehr unterstützt.
Ich stimme vielem was Howard über Geschichte sagt nicht zu, aber seine Empfehlungen erscheinen mir sinnvoll. Er sagt, die richtige Art mit kriminellen Verbrechen wie den al-Qaida Anschlägen umzugehen, sei eine polizeiliche Ermittlung durch internationale Autoritäten; die Anwendung international sanktionierter Mittel, die den Einsatz von Gewalt beinhalten könnten, um die Verbrecher zu fassen, sie vor Gericht zu bringen, und sicherzustellen, dass sie eine faire Gerichtsverhandlung und internationale Gerichtshöfe bekommen. Das klingt für mich nach einem gesunden Urteil. Also ist es nicht nur meine Meinung.

Glauben Sie, dass amerikanische Gewalt in einem Fall von Selbstverteidigung gerechtfertigt ist?

Natürlich, jeder hat das Recht sich selbst zu verteidigen. Das steht im Artikel 51 der U.N. Charta. Es ist jedoch sehr schwierig solche Fälle zu finden. Nicaragua, zum Beispiel, hatte das Recht, Gewalt zum Zwecke der Selbstverteidigung einzusetzen. Das haben sie nicht getan, aber sie hätten das Recht gehabt, weil sie unzweifelhaft angegriffen wurden.
Nicaragua ist nicht der einzige Fall. In ganz Lateinamerika werden die Verbrechen vom 11. Septembers scharf verurteilt. Aber das geht einher mit der Beobachtung, dass diese Gräueltaten, obwohl grauenvoll, nicht unvertraut sind. Die Jesuitische Universität schrieb in Managuas Forschungsjournal Envio, dass ja, der 11. September Amargeddon genannt werden könnte, aber dass wir mit unserem eigenen Amargeddon vertraut sind. Sie beschreiben den Angriff auf Nicaragua, der keine Kleinigkeit gewesen ist. Zehntausende von Menschen sind während des Contra Krieges getötet worden, und das Land wurde praktisch verwüstet.

 

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