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Rolf Engelke:
Flughafen Der kapitalistische Kern der Metropole
Tatsächlich muss
Frankfurt am Main die Kernstadt der Rhein-Main-Region heute
mit einiger Berechtigung als »europäische World City der ersten
Ordnung« begriffen werden. Insbesondere als »Knotenpunkt«
im internationalen Finanzgeschäft und dessen hier konzentrierten
Steuerungsfunktionen wird Frankfurt von Stadtsoziologen mittlerweile »global
city«-Status zuerkannt. Die traditionelle Rolle der Stadt als Handelsort
am Fluss mit Messe, Börse und Banken hat sich im Laufe der letzten
20 Jahre dahingehend gewandelt, dass Frankfurt sich vom Finanzzentrum
der BRD bereits um 1950 als heimliche »Wirtschaftshauptstadt«
der BRD bezeichnet zu einem »Entscheidungszentrum innerhalb
der internationalen Ökonomie« entwickelt hat. »Hier wird
die deutsche Ökonomie gemacht«, so der Soziologe Roger Keil,
hier werden strategische Entscheidungen der europäischen Politik
konzipiert und exekutiert (Europäische Zentralbank) und mit der globalen
Ebene koordiniert. Frankfurt hat sich also zu einem der strategischen
Orte entwickelt, von denen aus »die weltweiten Kapitalkreisläufe
und industriellen Produktionsprozesse koordiniert werden.« (Ronneberger,
Weltstadt und Quartier, S. 99).
Die materielle Basis für diesen Entwicklungssprung Frankfurts zur
world city trotz relativ geringer Einwohnerzahlen von Stadt plus Region
im Vergleich mit den europäischen Konkurrenten (London, Paris) oder
gar den internationalen Mega Cities (New York, Los Angeles, Tokio, Hongkong,
Sao Paulo...) liefert die in Frankfurt konzentrierte Zitadellenökonomie:
»Eine vom Finanzsektor beherrschte Dienstleistungsökonomie,
global vernetzt durch Börse, Messe und Flughafen, bildet die Basis
für die fortschreitende Verflechtung Frankfurts in den Weltmarkt.«
(Noller/Ronneberger, Die neue Dienstleistungsstadt, S. 66) »Zitadelle«
ist dabei weniger ästhetische Metapher; sie umfasst als Begriff nicht
primär die beeindruckende Frankfurter Metropolen-Skyline der Bankentürme,
der Messe- und Hotelhochhäuser mit ihren verspiegelten Fassaden.
Als Zitadelle ist der Ort weltweiter politisch-ökonomischer Interventionen
zu begreifen, ein Ort, der sich gegen das »gemeine« Publikum
abschottet; von hier aus werden Attacken gegen die Konkurrenten geplant
und organisiert. Hier finden Übergabeverhandlungen statt und zu guter
Letzt hofft man hier »Siege« zu feiern über die
konkurrierenden Metropolen wie über unterworfene »Sozialpartner«.
In Frankfurt basiert die Zitadellenökonomie (nach Noller/Ronneberger
bzw. Ronneberger/Keil) in ihrem Kern auf
* der »Kapitalfabrik«, den über 420 Kreditinstituten,
davon über 270 ausländische (Stand von 1994); die Stadt weist
damit die höchste Bankenkonzentration des europäischen Festlands
auf und hat selbst Paris in dieser Hinsicht hinter sich gelassen. Mehr
als die Hälfte des deutschen Geld- und Kapitalverkehrs wird hier
abgewickelt;
* der im Zeitalter von shareholder value wachsende Bedeutung gewinnenden
Börse, die in noch nicht endgültig geklärter Weise
mit der Londoner Börse kooperieren wird;
* einem eher postindustriellen Distrikt, den »unternehmensorientierten
Dienstleistungen«, konzentriert um Banken, Flughafen und Messe,
über 200 Agenturen und Unternehmensberatungen, außerdem Marktforschungsinstitute,
überregional agierende Immobilienmakler sowie weitgehend global orientierte,
hoch spezialisierte Anwaltskanzleien;
* einer »kapitalen Fabrik« klassischer Art, der in der Region
ansässigen und besonders auf den Weltmarkt hin orientierten Industrie
mit fortgeschrittener technologischer Basis: Computer- und Softwarebetriebe,
Elektrotechnik, Maschinen- und Anlagenbau, nicht zuletzt und immer noch,
wenn auch von abnehmender Relevanz, Chemie und Automobilbau.
Das »internationale Erfolgsmodell« von Frankfurt fußt
außerdem auf einer fortschreitenden Integration der gesamten Rhein-Main-Region
von Aschaffenburg bis Bad Kreuznach, die u.a. mit einem Set von global
operierenden Unternehmen der Logistik-Branche die Ökonomie der global
city komplettiert. Mit allein 80 High-Tech-Unternehmen und 30.000 Arbeitsplätzen
bei nur 20.000 Einwohnern ist die Gemeinde Eschborn »Musterdorf«
an der Peripherie der Kernstadt, so dass das Schlagwort von der »Eschbornisierung«
der Region die Runde macht (FR, 16.11.2001). Diesen Sachverhalt umschreibt
auch der Begriff der polyzentralen Metropolenregion, kreiert von dem überregional
agierenden Architekturbüro um den »Meisterplaner« Albert
Speer jr., den die politische Elite Frankfurts bemüht, um so manche
Nachteile ihrer offensichtlichen Provinzialität ausgleichen.
Auf der politisch-planerischen Ebene existiert die anvisierte »Metropolenregion«
aber erst in äußerst bescheidenen Ansätzen und ist in
ihrer konkreten Ausgestaltung immer noch Gegenstand kontroverser, recht
provinzieller Debatten, in denen sich Lokalfürsten gegen ihre Vereinnahmung
durch die Herren der Zitadelle zur Wehr setzen. Von den europäischen
Weltstädten London oder Paris ist Frankfurt heute jedenfalls noch
fast ebenso weit entfernt wie der Stadtpark von Eschborn vom Jardin du
Luxembourg. Aber: »Hochstapeln ist in unserer kleinen Möchtegern-Metropole
zur zweiten Natur geworden« (Peter Bartelheimer, S. 73).
Durch ein besonders hohes Maß an (Selbst-)Überschätzung
der »Möchtegern-Metropole« fielen dabei schon in den
80er Jahren die damaligen grün-alternativen, kulturellen Eliten auf.
Die Selbstinszenierung ihres untergegangenen Sponti-Stadtblättchens
»Pflasterstrand« als »Metropolenmagazin« sollte
(halb-)ironisch den eigenen Anspruch auf Gestaltung der vermeintlichen
Weltstadt programmatisch anmelden. In der Präambel der Frankfurter
rot-grünen Koalitionsvereinbarung von 1989 endlich konnten sie den
»Metropolenmythos« definitiv zum Minimalkonsens für jede
künftige Kommunalpolitik Frankfurts festschreiben, der seitdem von
den herrschenden urbanen Eliten getragen wird: »Die internationale
europäische und multikulturelle Metropole Frankfurt, Ort einer liberalen
bürgerlichen Tradition, (...) Zentrum einer intellektuellen Avantgarde,
wagt heute einen neuen Weg in die Zukunft, der lebendige Traditionen und
die Moderne miteinander verbindet,« (nach Bartelsheimer, ebd.).
Mit diesem schon beinahe bizarren Metropolenpathos setzten sich die rot-grünen
Gestalter Frankfurts deutlich von ihrer Vergangenheit als 68er-«out-casts«
und fundamentale Kritiker der herrschenden Verhältnisse ab, die das
»unwirtliche« Mainhattan immer mit Namen wie »Bankfurt«
oder »Krankfurt« belegt hatten. Aber auch wenn die Luftballons
der metropolitan ambitionierten Frankfurt-Macher schon immer viel (heiße)
Luft enthielten, der Mythos der von den politischen wie den kulturellen
Eliten beschworenen »boomenden Metropole Frankfurt-Mainhattan«
hat auch einen realen materiell-ökonomischen Gehalt: das konzentrierte
ökonomische Potenzial der Region.
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