Andrej Grubacic:
Leben nach dem Sozialforum

Wie bereits gesagt: die unterschiedlichen Ausrichtungen (von „neuem Radikalismus“ und Traditionalisten) haben zu unterschiedlichen, von einander unabhängigen Identitäten geführt. Dass diese Unterschiedlichkeit ein Handicap darstellen soll, kann ich so nicht sehen. Sie kann im Gegenteil sehr nützlich sein für die Bewegung. Auf diese Weise zieht die Bewegung Energie aus ganz unterschiedlichen Quellen. Und wir können von den Reformisten lernen – viel mehr beispielsweise als von jenen antiauthoritären Sektierern, die nur ihre Marginalisierung kultivieren bzw. ihren „antiauthoritären Narzismus“. Problematisch wird es allerdings, wenn „globalisiert den Widerstand“ zu „monopolisiert den Widerstand“ umfunktioniert wird, wenn das Gleichgewicht zwischen den beiden geistigen Ausrichtungen gestört ist und der Spielraum für Dialog zu eng wird. Das vergangene Weltsozialforum war massiver Beweis für ein derartiges Ungleichgewicht, ebenso das kürzlich zu Ende gegangene Europäische Sozialforum (ESF) in Florenz. Eine Bürokratisierung der Bewegung respektive die Etablierung einer Forums- Bürokratie treten zunehmend zutage, ebenso die Gefahr, dass unsere „Globalisierung von unten“ in eine „Globalisierung von der Mitte aus“ mündet sowie das Phänomen der „NGO-isierung der Bewegung“, in Verbindung mit BINGO-Politik (Big International Non Governmental Organisations (Große Internationale Nicht-Regierungsorganisationen)). Aber wollen wir tatsächlich eine Bewegung, auf der es zugeht wie auf einer Cocktail-Party in der Lounge des Plaza-Hotels von Porto Alegre? Wollen wir eine Bewegung von Bürokraten mittleren Alters, mit Palästinensertüchern um den Hals, bewaffnet mit ihren Reminiszenzen von ‘68 (oder 1917)? Wollen wir Sozialforen, die von unsichtbarer Hand organisiert werden? Ich stimme nicht mit Naomi Klein überein, wenn sie sagt, das Weltsozialforum sei gehijacked worden – es hat uns ja noch nie „gehört“. Aber vielleicht hat ja doch so etwas wie Hijacking stattgefunden, allerdings in etwas anderem Sinne. Nicht das Forum wurde gehijackt, vielmehr ist der antiauthoritäre Geist, der es inspiriert hat, abhandengekommen. Er wurde missbraucht. Sogar der Slogan „Eine andere Welt ist möglich“ stammt von den Zapatistas. Die Torte im Gesicht des brasilianischen PT-Präsidenten kann man als Metapher betrachten, als Metapher für die Gegensätzlichkeit zweier sehr unterschiedlicher geistiger Standpunkte bzw. zweier emotional gegensätzlicher Haltungen zu Politik: Auf der einen Seite diejenigen, die konventionelle Politik lediglich verändern wollen – also weitere Versuche in diese Richtung starten; und auf der andern Seite ringen Menschen um etwas ganz Neues, jenseits von Wahlen und Lobbyarbeit. Hier (bei uns) geschieht kollektive Absage an Parteipolitik, geschieht kollektives Streben nach einer „Politik ohne Macht“. Ich stelle die Frage: Ist es möglich, ja notwendig, beide Haltungen im Gleichgewicht zu halten?

 

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