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Hellmut G. Haasis
Georg Elser oder Die Verwurstung des fähigsten Hitlergegners
... Bei der Rezeption
von Elsers Beweggründen wurden seine Antriebskräfte verkürzt.
Eine gesellschaftliche Zensur, durchaus nicht selten, aber wenig reflektiert.
Elser hatte trotz Folterungen, Schlafentzug und ständiger Bedrohung
durch bewaffnete Gestapoleute im Verhör erklärt: Ich stellte
allein Betrachtungen an, wie man die Verhältnisse der Arbeiterschaft
bessern und einen Krieg vermeiden könnte. (Haasis S.173) Das
soziale Motiv steht an erster Stelle. Heute ist, auch nach meiner Biografie,
mit Hängen und Würgen der Kriegsgegner Elser akzeptiert, der
Kämpfer für soziale Verbesserungen der Arbeiter bleibt unter
den Teppich gekehrt.
Elsers Anschlag stellt für die Bewusstseins-Ingenieure ein Ärgernis
dar, sobald man die halblebigen und peinlich späten Aktivitäten
der 20. Juli-Verschwörer zum Vergleich heranzieht. Das tat ich 2002
auf einem Stuttgarter Symposium. Ein Zitat aus der Biografie beschloss
mein Referat. Während Elsers Uhren tickten, habe der militärische
Widerstand nichts getan. Hitler selbst rechnete grundsätzlich
mit einem Aufruhr oder einem Attentat. Vor seinen führenden Militärs
hatte er dagegen nicht viel Respekt, er hatte oft genug erlebt, wie schnell
sie einknickten, wenn er sie anschrie. ... Die hohen deutschen Militärs,
die es nicht wagten, Hitler zu beseitigen, opferten dann ohne Skrupel
ganze Divisionen. Was bei allen Rezensenten durchgegangen war, verstieß
in der vom Stuttgarter Haus der Geschichte durchgeführten Veranstaltung
gegen den staatlich kontrollierten Konsens. Der Leiter Dr. Schnabel, eine
führende Kraft im Kultusministerium, stieg stracks in die Bütt:
Diese Aufwertung Elsers unter gleichzeitiger Herabwürdigung der Leute
um Stauffenberg dürfe man nicht durchlassen. Großer Beifall.
Eine weitere Entschärfung Elsers unternahm am 9. März 2004 die
staatliche Geschichtsmanufaktur Knopp: der 20. Juli im ZDF. Dank der Nachbarschaft
höher gestellter Personen, die Hitler zu beseitigen suchten, geriet
Elser bedenklich nahe an bessere Kreise. Wie wollte die Firma Knopp den
strengen Geruch eines linken, ausgesprochen roten Hitlerfeindes neutralisieren?
Durch eine kontraproduktive Auswahl der Zeitzeugen und durch die Kritiklosigkeit
der anderen Versuche, die sich sträflich spät an Hitler herangewagt
hatten.
Zur Bewertung von Elsers Leben und Tat wählte Knopp renommierte Gesichter,
die nach langer Verwendung in solchen Produktionen für jedes Thema
brauchbar sind: Hildegard Hamm-Brücher und Ralph Giordano. Beide
haben zu Elser nichts oder nichts Originelles publiziert, eine quellengestützte
Erforschung des Themas kann bei solchen aufgepumpten Zeitzeugen
sowieso nicht erwartet werden. Knopp präsentierte Nachfahren verstorbener
Zeitzeugen, Zeugen nur nach dem Familiennamen.
Ein herrlicher Gummibegriff des historischen Zeugen. Hier kann man von
gezielter Fälschung reden. Solcher Unfug kann Schule machen. Bald
treten Enkel auf und schwafeln, wie wenn sie vor 100 Jahren irgendwo dabei
gewesen wären.
Der einfache Schreiner, wie inzwischen fast alle sagen, verschwindet
am Ende bei Knopp. Er wird nachts irgendwo erschossen. Nix genaues braucht
man nicht zu wissen. Der SS-Mann hat keinen Namen, obwohl man ihn seit
fünf Jahren in meiner Biografie finden kann. Der Mörder hat
kein Gesicht, obwohl ich mehrere Fotos von ihm auftrieb und eines publizierte.
Dieser Herr, der SS-Oberscharführer Theodor Bongartz aus Krefeld,
hat einen schön geschriebenen Lebenslauf hinterlassen, der ihn als
ganz normalen Hauptschüler ausweist, mit guter Schrift und anständigem
Beruf: Stuckateur, sogar mit Meisterprüfung.
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SF 77
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