|
Wolfgang Haug
Erich Mühsam 70 Jahre danach
In der Nacht vom 9.
auf den 10. Juli 1934 wurde der Schriftsteller und Anarchist Erich Mühsam
im KZ Oranienburg ermordet. Knapp 10 Jahre zuvor war er aus dem Gefängnis
Niederschönenfeld entlassen worden, indem er wegen seiner Teilnahme
an der ersten Münchner Räterepublik 1919 einsitzen musste. Ende
1924 zog Mühsam nach Berlin, zurück in die Stadt, in der er
seine politische und literarische Arbeit vor dem 1.Weltkrieg begonnen
hatte. Mühsam arbeitete in Berlin mit dem Schutzverband Deutscher
Schriftsteller, mit Theatern oder mit der kommunistischen Roten Hilfe
zusammen, er war Vortragsredner und Mitglied der Anarchistischen Vereinigung
Berlins, veröffentlichte seine Monatszeitschrift FANAL und pflegte
besonders engen Kontakt zu den anarchosyndikalistischen Vertretern der
FAUD, z.B. zu Rudolf Rocker und Augustin Souchy.
Ein Beispiel für die Kooperation zeigt sich in der Kampagne für
die Freilassung von Sacco und Vanzetti, der beiden berühmt gewordenen
Anarchisten, die in den USA zum Tode verurteilt und trotz mangels an Beweisen
hingerichtet worden waren. Mühsam und Souchy sprachen beide auf der
Kundgebung der FAUD im Berliner Lustgarten gegen das Todesurteil. Mühsam
schrieb anschließend sein Theaterstück Staatsraison
(lieferbar bei der Trotzdem-Verlagsgenossenschaft eG), indem er diesen
Justizmord mit dokumentarischen Mitteln auf die Bühne bringen wollte.
Die von der FAUD neugegründete Gilde Freiheitlicher Bücherfreunde
(GFB) übernahm den Druck des Dramas zum 1. Todestag der beiden hingerichteten
Anarchisten und verbreitete das Buch.
Von Erich Mühsam hatte der FAUD-Verlag Der Syndikalist
1925 bereits den Band Alarm. Manifeste aus zwanzig Jahren
veröffentlicht. Diesen Band mit Gedichten aus Mühsams Gedichtbänden
Wüste, Krater, Wolken, Brennende Erde sowie
Artikeln aus seiner Müncher Zeitschrift KAIN, hatte der rätekommunistische
Dichter Oskar Kanehl während Mühsams Gefängniszeit zusammengestellt.
Die Büchergilde Freiheitlicher Bücherfreunde übernahm zudem
Restbestände aus Mühsams Werk von anderen Verlagen in ihr Programm,
so Brennende Erde aus dem Kurt-Wolff-Verlag und Sammlung
1898-1928 aus dem J.M. Spaeth-Verlag. Mühsams theoretische
Arbeit Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat (lieferbar
im Karin Kramer Verlag), in der er sein Anarchismusverständnis darlegte,
und in der er seine Boheme- und Rätezeiterfahrungen mit einbaute,
erschien zuerst in der Theoriezeitschrift der FAUD, in Die Internationale
(5. Jg., Heft 6-8, 1932).
Dieser Zeitschrift war es dann 1934 vorbehalten, als einer der wenigen
verbliebenen anarchistischen Zeitschriften Mühsams Tod bekannt zu
geben. Getarnt als Deutschtum im Ausland Blätter zur
Pflege deutscher Art wurde die Internationale in Amsterdam
(später in Barcelona und Paris) fortgesetzt und in Emigrantenkreisen
und anfangs auch illegal in Nazideutschland vertrieben. Bereits in ihrer
ersten Nummer musste die IAA verbreiten Mühsam ermordet.
H.R. (das ist Helmut Rüdiger) schrieb einen Nachruf und von Mühsam
selbst wurde das Kriegslied nachgedruckt. Rudolf Rocker, der
bereits in die USA geflohen war, beendete diese Erinnerungsarbeit mit
den Worten: Als ich in amerikanischen Blättern die kurzen Zeilen
las, dass Erich Mühsam seinen furchtbaren Leiden durch Erhängen
ein Ende gemacht hatte, fühlte ich, wie mir das Blut heiß in
die Kehle stieg. Es war nicht bloß der Schmerz, einen lieben Menschen
unter so tragischen Umständen verloren zu haben, mit dem ich lange
Jahre durch ungetrübte Freundschaft eng verbunden war; nein, es war
die nagende Scham, einem Lande anzugehören, dessen Regierung seit
den letzten achtzehn Monaten jede Menschenwürde mit Füßen
getreten, den organisierten Mord an ihren Gegnern zum Prinzip erhoben,
eine alte Kultur in Trümmer gelegt und ihre wehrlosen Opfer in den
Gefängnissen und Konzentrationslagern allen grausamen Qualen, die
eine entartete, von sadistischen Instinkten geleitete Phantasie nur ersinnen
kann, preisgibt.
Als Mensch war Mühsam einer der prächtigsten Persönlichkeiten,
mit denen ich je bekannt wurde. In ihm hatte der Parteimensch nicht wie
bei so vielen anderen, den Menschen aufgezehrt. Stets nobel in seinen
Handlungen, war er ein treuer und ergebener Freund und ein ungemein geistreicher
Gesellschafter. Dass ein Mann mit solch glänzenden Qualitäten
dem Ungeist des sogenannten Dritten Reiches zum Opfer fallen musste, ist
eine der großen Tragödien unserer Zeit, in der Freiheit und
Gerechtigkeit von größenwahnsinnigen Schurken und Verbrechern
ans Kreuz genagelt werden.
Rudolf Rockers Freund und enger politischer Mitarbeiter Augustin Souchy
hat 1934 in spanischer Sprache unter dem Ttel Erich Mühsam
su vida su obra su martirio (Barcelona 1934)
versucht, die genauen Todesumstände Erich Mühsams einer breiteren
Öffentlichkeit bekannt zu machen:
Am Tag nach dem Reichstagsbrand wurde Mühsam um 5:30 Uhr aus
dem Bett geholt... In den ersten Wochen seiner Haft befand sich Mühsam
im Polizeigefängnis zu Berlin und im Untersuchungsgefängnis
Moabit und Spandau. .... Nach einigen Wochen wurde eine Anzahl politischer
Häftlinge in das inzwischen errichtete Konzentrationslager Sonnenburg
abtransportiert. Bereits auf dem Transport wurde Mühsam von den begleitenden
SA-Männern misshandelt..... In dem Konzentrationslager wurde Mühsam
das Leben zur Hölle gemacht.
Schläge, Demütigungen, Scheinerschießungen, Schwerarbeit
und immer wieder Schläge, Fußtritte und Ohrfeigen, bis Mühsam
zuletzt fast nichts mehr hören konnte. Ein Mitgefangener berichtet:
In meiner Gegenwart wurde er einmal derart verprügelt, dass
er zusammenbrach und ich der Meinung war, man habe ihn totgeschlagen
Durch diese dauernden Schläge sind Mühsams Ohren total verschwollen
und verkrüppelt. Sein Gehör hatte er fast vollständig eingebüßt.
Nachdem das KZ Sonnenburg aufgelöst wurde, kam Mühsam für
kurze Zeit in das Gefängnis nach Plötzensee, die Misshandlungen
hörten für diese Zeit auf. Dann ging es weiter in das alte Zuchthaus
nach Brandenburg; und die Demütigungen und Misshandlungen begannen
erneut, speziell als in der Nazipresse verleumderische Artikel über
Mühsams Tätigkeit während der Münchner Rätezeit
erschienen. Mühsam wird als Judenschwein beschimpft,
geschlagen, geschoren, die Verletzungen bleiben unbehandelt. Als Mühsam
Schreiberlaubnis erhielt um an seine Frau Zenzl zu schreiben, brach ihm
die SA seine beiden Daumen.
Von Brandenburg kam Erich Mühsam ins KZ Oranienburg, kurz nach der
Entmachtung der SA (Röhm-Putsch) ließ Hitler das
KZ am 31. Juni von der SS übernehmen. Mühsam wusste, dass seine
Ermordung unmittelbar bevorstand. Seiner Frau sagte er bei ihrem letzten
Besuch: Was man auch immer sagen und dir erzählen mag: glaub
nie, dass ich Hand an mich legen werde.
Der Mord erfolgte in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934. Der freigelassene
Mitgefangene Stone berichtete in der Kopenhagener Zeitung Extrabladet:
Am Abend (des 9. Juli) wurde Mühsam zum Adjutanten des Lagerkommandanten,
Sturmführer Eschrad, gerufen (in der Darstellung Kurt Hillers, die
sich im wesentlichen mit der von Stone deckt, wird der Name Eckhardt genannt).
Als er zurückkam, sagte er: Die wollen, dass ich mich selber erhängen
soll aber das Vergnügen will ich ihnen nicht bereiten. Um
8 Uhr abends gingen wir wie gewöhnlich zu Bett. Um 9 Uhr abends wurde
Mühsam herausgerufen. Da haben wir ihn zum letzten Mal lebend gesehen.
Wir merkten aus verschiedenen Anzeichen, dass etwas Besonderes am Werke
sei. So wurde an diesem Abend entgegen allen Regeln verboten,
auf den Hof in die Aborts zu gehen. Nächsten Morgen verstanden wir
den Grund: Draußen im Aborthaus fanden wir die furchtbar zugerichtete
Leiche Mühsams. An einem Stricke, der um einen Balken geschlagen
war, hing Mühsams Körper. Alles war so eingerichtet, dass der
Eindruck eines Selbstmordes erweckt werden sollte. Doch es war kein Selbstmord.
Einer, der sich erhängt, hat die Beine ausgestreckt infolge des Körpergewichts,
und die Zunge streckt er aus dem Mund heraus. Doch bei der Leiche Mühsams
waren diese Zeichen nicht wahrzunehmen. Er hing mit angezogenen Beinen.
Außerdem waren der Strick mit einem Seemannsknoten festgemacht,
den der in diesen Dingen unerfahrene Mühsam niemals hätte zustande
bringen können. Der Leichnam trug Spuren von frischen Misshandlungen.
Er war zu Tode geprügelt und dann aufgeknüpft worden.
zurück
SF 77
|