Wolfgang Haug
„Das Verschwinden im Gedächtnisloch“

Nach Uri Avnery vor zwei Jahren feierte die Stadt Oldenburg mit Noam Chomsky erneut einen würdigen Preisträger. Dem Chomsky-Übersetzer, Mumia-Aktivisten, GWR- und SF-Übersetzer und Autor Michael Schiffmann blieb die ehrenvolle Aufgabe, Chomsky in einer Laudatio vorzustellen. Seinen Schwerpunkt legte er dabei ganz deutlich auf Chomskys anarchistisches Anliegen, dass jede und jeder aktiv werden, sich einmischen und an seine/ihre Wirkungsmöglichkeit glauben soll. Schiffmann unterschied sich dabei wohltuend von Rednern wie dem Oldenburger Bürgermeister Schulz oder diversen Professoren, die es nicht lassen konnten, etwas von der „Berühmtheit“ ihres Gasts auf sich selbst überleiten zu wollen.
Schiffmann reichte im Zweifelsfall Chomsky in Originalzitaten seine Stimme:
„Es ist meines Erachtens vollkommen richtig, in jedem Aspekt des Lebens die jeweiligen autoritären, hierarchischen und herrschaftsbestimmten Strukturen ausfindig zu machen und klar zu umreißen, und dann zu fragen, ob sie notwendig sind; wenn es keine spezielle Rechtfertigung für sie gibt, sind sie illegitim und sollten beseitigt werden, um den Spielraum der menschlichen Freiheit zu erweitern. … Natürlich werden damit mächtige Institutionen, die Zwang und Kontrolle ausüben, in Frage gestellt: der Staat, die keiner Rechenschaftspflicht unterliegenden privaten Tyranneien, die den größten Teil der einheimischen und internationalen Wirtschaft kontrollieren und andere, ähnliche Institutionen.“1
Noam Chomsky selbst wies in seiner Rede darauf hin, dass an den Herausgeber und Autor der Weltbühne Carl von Ossietzky zu Recht erinnert wird und schlug den Bogen zu dem ermordeten Erzbischof Romero aus San Salvador, von dem er ein Bild in seinem Bostoner Büro aufgehängt habe. Anhand dieses Bildes, das Romero zusammen mit mehreren von den US-unterstützten salvadorianischen Militärs ermordeten jesuitischen Theologen zeigt, kommt er auch sofort zu seinem Hauptanliegen: die BesucherInnen aus Lateinamerika erkennen sofort, worum es sich handelt, die aus den USA fast nie und die aus Europa nur zu ca. zehn Prozent. Mit dieser einfachen Beobachtung drückt Chomsky sein Hauptanliegen aus und seinen Antrieb sich beständig politisch einzumischen: Fakten und Tatsachen vor dem Verschwinden im Gedächtnisloch zu bewahren. Seine Wirkung beruht dann auch zweifellos auf einem immensen Faktenwissen und der Fähigkeit, Zusammenhänge über Jahrzehnte hinweg deutlich machen zu können.
Noam Chomsky, der kurz vor seinem Deutschland-Aufenthalt 75 Jahre alt wurde, nahm auch bei seiner Preisverleihungsrede kein Blatt vor den Mund. Er warnte – vielleicht hinsichtlich des Themas etwas überraschend – vor dem erneuten Wettrüsten im Weltall und wartete mit Zahlen auf, die mehr als nachdenklich stimmen:
Zwischen 1977 und 1994 gab es 21.000 Fehlwarnungen über vermeintliche Nuklearangriffe; davon wurden 5% als ernsthaft eingestuft und in letzter Minute von Menschen gestoppt, bevor
die Computer den eingespeicherten Gegenschlag auslösen konnten. Für eine menschliche Beurteilung bleiben 3 Minuten Zeit. Wird der Fall als ernsthaft eingestuft, bleiben dem US-Präsidenten noch weitere 30 Sekunden, um etwas zu stoppen. In dieser Welt leben wir nach wie vor und im Zeitalter der immer besser und echter werdenden Computersimulationen gibt es wahrlich keinen Grund, sich in Sicherheit zu wiegen – zumal Bill Clintons Option auf einen Erstschlag inzwischen auch von Putin für den Fall übernommen wurde, dass Russland der Zugang zu Regionen verwehrt wird, die es als lebenswichtig einstuft. Die Hochrüstung der USA unter Bush hat inzwischen dazu geführt, dass Russland, um mitzuhalten, seine (insgesamt sehr viel niedrigeren) Militärausgaben verdreifacht hat! Die Absicht der US-Regierung, noch in diesem Sommer mit der Stationierung ihres Weltraum-Satelliten-Systems zu beginnen, wird dazu beitragen, entsprechende Anstrengungen Russlands auszulösen. Bereits heute hat Russland darin nachgezogen, Nuklearwaffen mit niedrigerem Wirkungskreis zu entwickeln, um wie die Amerikaner Bunkeranlagen effizient angreifen zu können.
Um diese spezielle Bedrohung deutlicher zu machen, berichtete Chomsky von einer Tagung zur Kubakrise (vom 22. bis 27.10.1962). Der damalige Außenminister Schlesinger erzählte auf dieser Tagung, dass der Ausbruch eines Atomkriegs noch näher bevorstand als bislang angenommen. Nicht allein das Einlenken Chruschtschows, die Mittelstreckenraketen nicht auf Kuba zu stationieren und im Gegenzug – und viel später! – der Abzug amerikanischer Mittelstreckenraketen aus der Türkei verhinderten den Atomkrieg. Es spielte sich noch dramatischer ab: Die sowjetischen U-Boote vor Kuba waren ebenfalls mit Nuklearraketen bestückt und hatten den Befehl, falls sie angegriffen würden, diese Raketen auf die USA abzufeuern. Als ein amerikanischer Kreuzer eines der U-Boote angriff, bestand diese Befehlssituation und nur die Weigerung eines einzigen kommandierenden russischen Admirals verhinderte den nuklearen Schlag, der die Nordhalbkugel der Erde verheert hätte.
Noam Chomskys zwei Tage in Oldenburg, das bedeutete konkret: Pressekonferenz vor der Preisverleihung, anschliessende Preisverleihung und Rede im kleineren Kreis im Kulturzentrum (einem ehemaligen Krankenhaus) der Stadt, danach ein abgeschirmtes Essen mit den Honoratioren der Stadt, denen Köhlers Wahl wichtiger war als ihr Gast; am nächsten Vormittag Vortrag und Diskussion mit den Schülern der Cäcilien-Schule in Oldenburg, nachmittags TV-und Presseinterview-Termine2 und abends eine Podiumsdiskussion im Audimax der Oldenburger Universität mit dem FAZ-Redakteur Michael Jeismann.
In der Schule berührt Chomsky einen ganz anderen Schwerpunkt, er spricht – ganz aktuell für Deutschland – vom Abbau des sozialen Wohlfahrtsstaats, und betont das Wort „Sklaverei“ im heutzutage unmodernen Begriff „Lohnsklaverei“. Für Chomsky ein Begriff, den die Arbeiterbewegung jahrzehntelang benutzt hat und den er noch immer für treffend hält, erst recht im Zeitalter der „Flexibilisierung“. Arbeitsmarktflexibilität als das El Dorado für die Wirtschaft bedeutet in erster Linie, dass es zu keinen Lohnerhöhungsforderungen seitens der ArbeitnehmerInnen kommt. Die ökonomische Theorie, die dem zugrunde liegt, ist bestechend einfach: „You have to keep the rich people happy and to keep everybody else insecure.“ – Es kommt darauf an, die Reichen bei Laune, und alle anderen in Unsicherheit zu halten. Beim der wiederholten Erwähnung des Stichworts „insecure“ verließ der SPD-Oberbürgermeister das Podium und ward in der Schule nicht mehr gesehen.
So verpasste er ganz interessante Zahlen wie etwa, dass 1945 noch 40% der amerikanischen Steuern von Unternehmen bezahlt wurden, heute nur noch 7%, was im Klartext heißt, dass die Steuern auf die ärmeren Bevölkerungskreise umverteilt wurden und dass im noch kurzen Zeitalter der „Globalisierung“ („keep them insecure“) die Einkommen von 90% der arbeitenden Bevölkerung zurückgingen.
Auf die gestellten Fragen antwortete Chomsky jeweils sehr ausführlich, häufig wiederum in kleinen Vorträgen, sicherlich um nicht „verkürzt“ interpretiert zu werden. Er streifte die US-Bürgerrechtsbewegung, die Propagandaformen heutzutage, die Privatisierung der US-Medien (rechtsgerichtete Kreise haben die meisten Radio-Stationen der USA aufgekauft: „to shut people up“), die Folter im Irak (und anderswo) oder die Berufsarmee für die heutigen Einsätze: Mit einer Wehrpflichtigenarmee wäre das alles nicht zu machen, was heute nach Meinung der Mächtigen getan werden muss. Dies sei die entscheidende Lehre aus Vietnam gewesen, damals hätte die Wehrpflichtigenarmee wesentlich zum Scheitern der USA in Vietnam beigetragen. Um unterschiedslos zuzuschlagen, braucht es mehr den je Berufskiller, keine Söhne und Töchter ganz gewöhnlicher Bürger, die auf Zeit Soldat sein müssen und davon träumen ein schönes Leben mit Familie zu führen.
Wie reagierte die deutsche
Öffentlichkeit auf Chomskys dritten Besuch in Deutschland?
N3, 3SAT und das Deutschlandradio brachten informative Beiträge (auch wenn nur die Chomsky-Buchtitel aus dem Europa-Verlag vorgestellt und die aus dem Trotzdem Verlag „vergessen“ wurden.)
3SAT hakte bei der New York Times ein, die Noam Chomsky als den „bedeutendsten lebenden Intellektuellen“ bezeichnet, aber unzufrieden mit seiner politischen Einstellung ist und darin das „Chomsky-Problem“ sieht. „Der 1928 geborene Sohn jüdischer Einwanderer aus Russland hat mit seiner generativen Transformationsgrammatik die Linguistik revolutioniert. Alle Sprachen basieren laut Chomsky auf einer Grundstruktur. Der Mensch trägt die Fähigkeit, Sätze zu bilden in sich. Diese wissenschaftliche Erkenntnis war für die Linguistik genauso wichtig wie Einsteins Relativitäts-Theorie für die Physik. – Die Revolte gegen den Vietnamkrieg ließ ihn zum politischen Aktivisten werden. In vielen seiner Bücher, Artikel und Vorträge geißelt er Amerika und die Rolle der USA als machtpolitische Komplizen der transnationalen Konzerne. … Wie politische Macht und ökonomische Ausbeutung global vernetzt werden, weist er nach, in der Geschichte wie in der Gegenwart.“
Chomsky, so 3SAT, füllt Säle und der Abend im Audimax Oldenburg bestätigt dies: 800 Sitzplätze waren belegt, weitere ca. 400-500 Menschen verfolgten die Veranstaltung via TV in der Vorhalle. Und auch hier fordert Chomsky den Blick auf die Zusammenhänge: Es sei zu fragen woher ein Ereignis kommt und nicht, wie es in der Regel geschieht, ein Ereignis als „isoliertes Geschehen ohne Kontext“ zu vermitteln. Ein deutlicher Seitenhieb auf die Terrorberichterstattung nach dem 11.September, aber nicht nur diese. 3SAT fragt, warum er so zornig ist? „Es ist die Realität dieser Welt“, ist die Antwort. Er meint noch, dass er in Osttimor, in Palästina und in den Slums der USA und anderswo war und fragt zurück: „Wie kann man darüber nicht zornig sein?“
Weniger begeistert ist naturgemäß Herr Jeismann von der FAZ, zumal es ihm in der Podiumsdiskussion nicht gelang, Chomsky zu „entlarven“. Sein Beitrag beginnt mit einem falschen Datum: Nicht am 26. Mai, sondern am 24. Mai fand die Podiumsdiskussion statt, in der Chomskys Ausführlichkeit gleich beifallsheischend denunziert wird: „Er redet wie eine zu lang geratene E-Mail.“ Für die FAZ ist klar, dass Chomsky ein System anwendet: „Erst wird ein allgemeiner Missstand benannt, dann werden die Vereinigten Staaten als Verursacher dingfest gemacht, durch ein konkretes Beispiel überführt und wegen Heuchelei lächerlich gemacht.“
Jeismann stellt sich aber nicht die Frage, warum diese Strategie funktioniert. Warum es diese Beispiele alle gibt, weshalb der derzeitigen Hegemonialmacht die größte Verursacher-Rolle zukommt und ob es in der Geschichte nicht Parallelen gibt? Er zeigt sich im Gegenteil verwundert. „Er gewinnt die Zuhörer mühelos für sich, ohne eigentlich irgendetwas Mitreißendes zu haben, ohne geschliffene Rhetorik, ohne großen Gesten.“ Die Mär vom Rattenfänger von Hameln wird beschworen, wenn Jeismann am Ende meint: „Chomsky scheint etwas in der verschlossenen Hand zu halten, was uns endlich wieder eine Richtung und eine Gewissheit geben könnte, wenn aber die Hand leer wäre? Illusionen können auch wirken.“ Noam Chomsky hat also die Faust geschlossen, tut so, als biete er Heilsbotschaften, hat aber nichts drin in seiner Faust. Wieder stellt sich Jeismann selbst ein Bein: Chomsky versteckt nichts, seine Hände sind offen und erzählen nur Fakten, Tatsachen und Fakten und Tatsachen. Und nur weil diese in die jeweiligen Kontexte gerückt werden, vermitteln sie Einsicht in die gesellschaftlichen und weltpolitischen Abläufe. Und wir sollen mit diesem Faktenwissen und dem Wissen um die Zusammenhänge handlungsfähig werden. Das ist die ganze Wahrheit, daran ist nichts Geheimnisvolles, nichts Mystisches oder Verführerisches.
Und die taz? Die hat einen Jens Fischer nach Oldenburg entsandt und hätte gut daran getan, jemand Qualifizierteren zu schicken. Fischer entblödet sich nicht – trotz circa 1200–1300 ZuhörerInnen und der Anwesenheit von Presse, TV und Radios – festzuhalten: „Links ist einfach da, wo man in aller Gelassenheit Recht hat – und unter sich bleibt: Die Debatte mit Chomsky findet im abgelegenen UNI-Audimax statt.“ Welchen größeren öffentlichen Saal hätte Jens Fischer denn vorgeschlagen? Klischees vom linken Ghetto werden bemüht, weil man selbst nicht mehr links sein will (bzw. es wohl nie war). Inhaltlich bringt Fischer nichts rüber, peinlich dämlich, dieser Journalismus.
Ganz anders das Deutschland-Radio, nicht übermäßig bekannt für seine linksradikalen Wurzeln, die die taz immer wieder neu entsorgen muss. Es zitiert die Fragen in Oldenburg, was man denn politisch tun könne und lässt Chomsky antworten:
„Sie hören diese Frage nur in Ländern, in denen die Menschen alle Möglichkeiten haben, zu tun und zu lassen, was sie wollen. Wenn ich z.B. in der Türkei, in Kolumbien, in Südasien oder der Westbank spreche, fragen die Leute mich nie, was sie tun könnten. Sie erzählen mir immer, was sie tun. Aber in den USA, in Kanada, in England oder anderen Ländern Europas haben die Menschen das Gefühl, nichts tun zu können. Das ist ein sehr eigenartiges Phänomen, weil wir über die Möglichkeiten verfügen, die ganze Welt zu verändern.“
Wir haben Möglichkeiten, wir können uns die Fakten beschaffen, wir könnten handeln – oder wir können, damit wir nichts tun müssen, ebenfalls die Fakten diskutieren, sie anzweifeln, sie als Schwarzweiß-Malerei abtun, und wir können Chomsky verdächtigen, den Neonazis eine Plattform zu bieten, weil er grundsätzlich die Meinungsfreiheit verteidigt hat, ihn durch das In-die-Nähe-der-Nazis-rücken ins politische Abseits drängen und uns für seine Fakten immunisieren. Und wenn wir „antideutsch“ denken, dann ist uns dieser Israel- und USA-Kritiker eh vollkommen suspekt. Deshalb rettet sich die taz in einem Geburtstagsartikel von Robert Misik am 6. Dezember 2003 (auch Misik hat Schwierigkeiten mit Daten: Chomsky hat nicht am 6., sondern am 7. Dezember Geburtstag) wieder in den häufig vorgebrachten Vorwurf: „So sind die Bilder, die Chomsky malt, auch vielen wohlmeinenden Linken ein bisschen zu viel Schwarzweiß.“
Abgesehen davon, dass die Grundaussagen der taz bzw. von Robert Misik denen der FAZ und Michael Jeismann recht nahe kommen, fehlt ganz einfach die Erkenntnis, dass Wahrheit oft „schwarzweiß“ ist. Dass sich die politische Grundeinstellung, „Macht“ zu hinterfragen über die Jahre nicht ändern muss, und dass es die Verantwortlichkeit der Intellektuellen ist, Wahrheiten in einfachen Worten verständlich rüber zu bringen, anstatt einfache Dinge zu komplizieren und hinter großen Worten zu verstecken.

Anmerkungen
1 Siehe Noam Chomsky, „Anarchismus, Marxismus und Hoffnungen für die Zukunft“, in Die Politische Ökonomie der Menschenrechte, Trotzdem Verlag 2000, S. 172.
2 Siehe dazu Noam Chomsky, „Interview mit ZNet Deutschland“ (Interviewer: Timo Stollenwerk), www.zmag.de

 

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