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Tom Kucharz
Spanien Globalisierung und Migrationsregime
Es ist nur 25 Jahre
her, seit das spanische Parlament seine aktuelle Verfassung verabschiedete.
Damit suchte es, mit dem Segen des noch heute amtierenden Königs
Juan Carlos II, den Weg in Richtung Demokratie. Die Militärdiktatur
(19391977) unter General Franco hatte Hunderttausende Todesopfer
gefordert, unzählige Menschen wurden ins Exil getrieben. Es gab hohe
Arbeitslosigkeit, Armenviertel und Seuchen, es fehlte an Unterkünften
und Infrastruktur. Nach dem II. Weltkrieg erhielt das Land wesentliche
finanzielle Unterstützung nur aus den USA, innereuropäisch blieb
es aber isoliert. Aufgrund einer enormen Nachfrage nach Arbeitskräften
in den sich rasch entwickelnden Industriehochburgen in Nord- und Mitteleuropa
wanderten zwischen 1950 und 1975 etwa zwei Millionen Spanierinnen und
Spanier vor allem nach Deutschland, Holland, Frankreich, England und in
die Schweiz aus. Eine unbekannte Zahl suchte Zuflucht in Lateinamerika.
Zwischen 1975 und 1990 kehrten eine halbe Million aus den europäischen
Ländern zurück.
1986 trat Spanien der Europäischen Gemeinschaft bei und verwandelte
sich seitdem in ein postmodernes Industrieland, jedoch mit einem deutlichen
Akzent auf den Bereichen Dienstleistung und Landwirtschaft. Die arbeitsplatzintensiven
Industrien, wie Werften, Stahlproduktion oder Bergwerke fielen der globalisierten
Weltwirtschaft zum Opfer. Heute hat Spanien die höchste Erwerbslosenquote
in der Europäischen Union (EU), wie auch den größten Anteil
prekärer Beschäftigungsverhältnisse.
Es ist bemerkenswert, dass dieses Land mit nur 40 Millionen Einwohnern
in relativ kurzer Zeit vom Außenseiter zur achtgrößten
Wirtschaftsnation der Welt aufstieg. Heute wächst das Bruttoinlandsprodukt
jährlich um 2,5%, mehr als in allen anderen EU-Ländern. Das
spanische Kapital investiert in Lateinamerika wie bisher nur die USA.
Die ehemalige spanische Regierung beteiligte sich am Krieg gegen den Irak
und blockierte die Entscheidung über die Ausgestaltung des EU-Verfassungsprojekts.
Aus dem einstigen Emigrationsland wurde ein Einwanderungsland, das sich
im Zuge der letzten Jahre zu einem Vorreiter fragwürdigen Umgangs
mit Einwanderern und Flüchtlingen (MigrantInnen) mauserte und an
dessen Grenzen jedes Jahr Hunderte Menschen qualvoll ihr Leben verlieren.
...
Nützliche MigrantInnen entrechtete Arbeitskräfte
Auf der einen Seite bestimmen Rassismus und Wettbewerbsdenken den gesellschaftlichen
Konsens, mit dem das Thema Migration behandelt wird. 50% der Spanier
denken, dass es zu viele ImmigrantInnen gibt, so eine Umfrage der
Stiftung FUNCAS. Auf der anderen Seite brauche Europa die Einwanderer,
um den Alterungsprozess der Gesellschaften zu stoppen und 1,5 Millionen
Arbeitsplätze zu bedienen, wie die Europäische Kommission immer
wiederholt. Nach Angaben der Weltbank und der spanischen Kommission zur
Hilfe der Flüchtlinge (CEAR) benötige Spanien jedes Jahr die
Zuwanderung von 300.000 Personen, um das Bruttosozialprodukt, die Geburtenrate
und das Rentensystem stabil halten zu können. Schließlich kommen
bereits die Hälfte aller neuen Beitragszahler der Sozialversicherung
aus dem Ausland. Doch obwohl die MigrantInnen, die in nicht regulierten
Arbeitsverhältnissen beschäftigt werden, zum wirtschaftlichen
Wohlstand der Aufnahmeländer beitragen, ist die öffentliche
Meinung über illegale Immigration äußerst
negativ und speist rassistische Reaktionen.30
Schauen wir nach Lateinamerika: Während spanische multinational auftretende
Unternehmen in Lateinamerika Arbeitslosigkeit, Armut, Vertreibungen, Privatisierungen,
Preiserhöhungen und Umweltzerstörung provozieren, wartet die
dortige Bevölkerung vor den spanischen Botschaften auf ein Visum
oder eine Arbeitserlaubnis. Die Opfer der Globalisierung suchen nach einem
Ausweg, der nicht nur Erwerbsmöglichkeiten verspricht, sondern auch
die Ernährung in der Heimat zurückgebliebener Familienangehöriger
garantiert. In den von Krisen geschüttelten Ländern wie Ecuador
oder Argentinien dominiert die Logik, aus Sprachgründen nach Spanien
auszuwandern. So stieg der Anteil lateinamerikanischer MigrantInnen allein
von 2002 auf 2003 um 43 %, aus Ecuador um 50 % und aus Argentinien um
93 %. In nur 6 Jahren hat sich die Zahl der AusländerInnen verdreifacht.
Lebten 1998 etwa 637.085 Ausländer in Spanien (davon 42 % aus der
EU), sprechen die offiziellen Statistiken heute von 2.672.596 (21,3 %
aus der EU).31
Im Durchschnitt schickt jeder Migrant monatlich 300 Euro nach Hause.
Das entsprach im vergangenen Jahr einer Gesamtsumme von 2,3 Milliarden
Euro.32 Für Ecuador sind die Geldtransaktionen die zweitwichtigste
Deviseneinnahmequelle. Den Daten der Weltbank zufolge haben die Sendungen
einen großen Einfluss auf die Armutsentwicklung. Verringern sich
die Geldzuwendungen, erhöhe sich automatisch die Armut.33
Einmal am Zielort angelangt, arbeiten die meisten von ihnen in den Nischen
des Arbeitsmarktes unter sklavenähnlichen Bedingungen: in der Schuhproduktion,
Landwirtschaft, Lederverarbeitung, auf Baustellen, bei Reinigungsbetrieben,
in der Prostitution sowie im Hausarbeitssektor.34 In vielen Fällen
schuften sie zu Hungerlöhnen 10 bis 13 Stunden am Tag, ohne Arbeitsvertrag
und ohne Sozialversicherung. Dieser Niedriglohnsektor bzw. informelle
Arbeitsmarkt erwirtschaftete jedoch 2003 bereits 23% des spanischen Bruttoinlandsproduktes
(130 Mrd. Euro).35 Das neue Ausländergesetz verschärft die Situation.
Das Angebot von Schwarzarbeitern benutzen die Unternehmer, um die
Kosten zu drücken und die Bedingungen zu verschlechtern, stellt
die Migrationsbeauftragte der Gewerkschaft UGT, Almudena Fontecha, klar.
Dieser Sachverhalt hat unter anderem zur Folge, dass durch die prekären
Arbeitsverhältnisse die Unfallquote überdimensional ansteigt.
Jeder dritte Tote bei Arbeitsunfällen ist Ausländer.36
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