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Christoph Spehr:
Brot, Bomben und Lügen
Für eine sofortige
Einstellung des westlichen Angriffskrieges in Afghanistan
Die USA führen derzeit einen Angriffskrieg gegen Afghanistan, möglicherweise
bereiten sie auch einen Angriffskrieg gegen weitere Länder vor. Sie
tun dies mit Zustimmung der NATO und der G8-Staaten im Rahmen der üblichen
imperialistischen Arbeitsteilung; dass die europäischen Regierungen
einen Stil des »nachdenklich Bombardieren« bevorzugen, heißt
nicht, dass es hier irgendwelche Differenzen gäbe. Dieser Angriffskrieg
ist ein verbrecherischer Akt, und er liegt mitnichten im Interesse der
westlichen Bevölkerungen. Das Entsetzen über die Anschläge
des 11. September kann nichts daran ändern, dass Terror weder mit
Gegenterror noch mit Krieg zu beantworten ist. Die Rhetorik, die Anschläge
seien eine Kriegserklärung gewesen, soll gezielt von der Fragwürdigkeit
von Vergeltungsschlägen ablenken. Es gibt bislang kein Verfahren,
keine der Öffentlichkeit vorgelegten Beweise, keinen darauf gestützten
Auslieferungsantrag; dass die Taliban-Regierung Osama bin Laden nicht
in vorauseilendem Gehorsam »einfach so« ausgeliefert hat,
gilt als ausreichender Grund für einen Krieg gegen Afghanistan. Dass
die militärischen Aktionen der Ergreifung Bin Ladens gelten sollten,
ist seit den immer massiveren Bombardements als Lüge offensichtlich:
Kriegsziel ist das Auswechseln der afghanischen Regierung. Die Opferzahlen
des westlichen Angriffskrieges werden die Zahl der Toten in New York und
Washington um ein Vielfaches überschreiten. Der Krieg tötet
nicht nur die, die von Bomben getroffen werden; er tötet auch die,
die seit dem Truppenaufmarsch vor ihm zu fliehen versuchen und an Hunger
und Kälte sterben werden. Der Zynismus der Nahrungsmittelpakete,
die mit Grüßen vom amerikanischen Volk hinterhergeworfen werden,
wird sie nicht retten.
Gegen die Mystifizierung
der Anschläge
Die Anschläge vom 11. September sind keine Anschläge auf »die
Zivilisation«. Es sind auch keine Proteste gegen Armut und Kapitalismus.
Es sind Verbrechen, politisch motivierte Anschläge, und Massaker
als Teil einer machtpolitischen Strategie. Wenn sie tatsächlich von
radikal-islamistischen Terrororganisationen im Umkreis von El-Quaida und
Bin Laden verübt sind, haben sie einen ziemlich konkreten Hintergrund.
Zum einen sind es Racheakte für den erneuten Bündniswechsel
des Westens in Afghanistan, nämlich von den Taliban zur Nordallianz,
an die in jüngster Zeit große Waffenlieferungen vorbereitet
wurden und deren militärischer Führer, Massud, im April auf
Einladung des Europa-Parlaments zu strategischen Gesprächen mit Solanas
u.a. zusammentraf, bevor er zeitgleich mit den Anschlägen von einem
Selbstmordkommando ermordet wurde. Zum anderen reihen sich die Anschläge
in eine Serie von Mordanschlägen seit 1993, die gegen Angehörige
des US-Militärs, der US-Geheimdienste und anderer Einrichtungen in
arabischen Ländern verübt wurden und die Ziele verfolgen sollen,
die von Bin Laden und anderen Terror-Organisatoren immer wieder genannt
wurden: Abzug amerikanischer Truppen aus allen arabischen Ländern;
Ende des militärischen und ökonomischen Krieges gegen den Irak;
Entzug der westlichen Unterstützung für »gefügige«
Satelliten-Regime wie Saudi-Arabien. Diese Ziele (nicht die Anschläge!)
finden in der Bevölkerung der arabischen Länder weite Zustimmung,
und sie sind berechtigt. Das Problem ist, dass der militärisch-ökonomische
Komplex des islamistischen Terrors sich diese, an sich schwer abweisbaren,
Ziele zu eigen macht, um sein eigenes Süppchen darauf zu kochen.
Er behauptet, dass diese Ziele nur durch ihn zu erreichen sind; dass sie
nur mit seinen faschistischen Mitteln erreichbar sind; und dass sie nur
zusammen mit einigen anderen Zielen erreichbar sind, die man ebenfalls
als faschistisch bezeichnen muss: der Errichtung fundamentalistischer
»Gottesstaaten« a la Taliban, der Vernichtung Israels, der
totalen Allmacht der islamistischen religiösen und militärischen
Führer. Die Mystifizierung der Anschläge verdeckt, dass die
westlichen Regierungen keine Antwort auf dieses Problem haben; ja dass
sie es auch gar nicht lösen wollen, weil sie mit dem Terror auch
alle legitimen arabischen Ansprüche bekämpfen möchten,
die dem westlichen imperialen Anspruch zuwiderlaufen. Die Mystifizierung
verdeckt, dass der sunnitische Fundamentalismus, Osama bin Laden und die
Taliban vom Westen gezielt aufgebaut, finanziert und aufgerüstet
wurden, im Rahmen der größten CIA-Aktion seit dem Zweiten Weltkrieg;
zunächst um die Sowjetunion zu bekämpfen, später um in
Ungnade gefallene Protegés durch andere Kräfte zu ersetzen.
Und sie verdeckt auch, dass der Westen andere Versuche in der arabischen
Region, Souveränität und reale Selbstbestimmung zu erlangen,
konsequent zerstört hat oder ausbluten ließ.
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SF 73
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