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Wolfgang Sterneck:
The Gathering of Tribe
»Wir brauchen
solche Treffen, um das Vertrauen wieder aufzubauen, dass uns in der Kindheit
genommen wurde...« - Es war Sobey aus Vancouver, der mit diesenWorten
die Atmosphäre des zweiten »Gathering of the Tribes«
in Los Angelesim April 2001 zusammenfaßte. VertreterInnen von rund
50 Projekten setzten sich dort fünf Tage lang theoretisch wie praktisch
mit verschiedenen Wegen der inneren persönlichen Entwicklung und
gleichermaßen der äußeren gesellschaftlichen Veränderung
auseinander.
Das Verständnis von Tribe bzw. Stamm war relativ weit gefächert
und bewußt im Vorfeld nicht fest definiert. So erstreckte sich der
Begriff auf lokale Projekte genauso wie auf die TeilnehmerInnen bestimmter
Festivals, auf grenzüberschreitende Aktionsgruppen genauso wie auf
kommuneartige Gemeinschaften. Vertreten waren unter anderem das Rainbow-Gathering,
BurningMan und Earthdance, Angehörige der Farm-Kommune und anderer
Eco-Village-Projekte, Mitglieder von Reclaim the Streets, Free our Forests,
Association for Psychedelic Studies, Subversive Sounds, Moontribe und
demdem Dream Theatre.
Inhaltlich reichte das Spektrum von Gruppen aus dem radikalen politischenund
ökologischen Spektrum über Initiativen, die sich aufklärend
gegen diebestehende Drogenpolitik stellen, bis zu Personen, die beispielsweise
überTrance-Tänze oder meditative Musik zu einer heilenden Veränderung
beitragen wollen. Das verbindende Element liegt neben der durchgängig
idealistischen Ausrichtung zum einem im Bezug zum »Dance Movement«,
also zur »Techno-Kultur in unterschiedlichen Ausformungen, sowie
im zweifellos oftmals vagen aber immer ernsthaften Bestreben »to
make the world a better place«.
Die Vielfalt verschiedener Ausrichtungen führte dabei keineswegs
zu einer Beliebigkeit, vielmehr befruchteten und ergänzten sich die
Positionen trotz einzelner Differenzen an vielen Punkten gegenseitig.
In dieser Hinsicht erinnert das »Gathering of the Tribes«
an das »Join the Cybertribe-« Festival bzw. an das »Sonics
- Cybertribe- Netzwerk für Rhythmus und Veränderung«,
das im deutschsprachigen Raum beheimatet ist und trotz diverser interner
Probleme eine ähnlich verbindende Rolle einnimmt.
Trance and politics
Ich selbst hatte die Ehre den inhaltlichen Teil der Konferenz mit einemVortrag
einzuleiten, der von einem übergreifenden gesellschaftlichen Ansatz
ausging. Meinen Ausgangspunkt faßte ich metapherhaft zusammen: »Viele
glauben, dass die Techno-Kultur eine Insel sei, doch die meisten vergessen
dabei, dass jede Insel von einem Meer umgeben wird...« Es ging mir
dabei um eine Auseinandersetzung mit der selbstherrlichen Zufriedenheit,
mit der sich viele aus dem grenzüberschreitenden »Dance Movement«
oftmals zurücklehnen, solange sie »geile Musik, gute Drogen
und viel Spaaaaß« haben und den eigenen Alltag einigermaßen
regeln können. Alles andere scheint egal, doch spätestens wenn
der Drogenfahnder vor der Tür steht oder Parties verboten werden
wird klar, dass diese scheinbare Insel-Idylle eine Illusion ist. Dann
ist es jedoch schon viel zu spät.
Prügelnde Polizisten auf politischen Party-Demos machen den symbolhaftenEinfluß
des Meeres auf die Inseln genauso augenscheinlich deutlich, wie beispielsweise
die Ego-Trips von DJs, die sich im Zuge der Kommerzialisierung wie Rockstars
verhalten, oder die Raves in »3.Welt«-Ländern, bei denen
vor lauter Verpeilung einfach ignoriert wird, dass einige Kilometer weiter
entfernt Menschen hungern. Die Auflistung läßt sichbeliebig
fortsetzen, letztlich ging es mir um die aktive Anerkennung einer Verantwortung,
die weit über die Party hinausgeht: »Manche Leute denken, daßTechno
eine Insel sei - und sie öffnen die Augen und sie beginnen zu tanzen,
nicht nur auf dem Dancefloor, sondern auch überall in den Straßen,
in denKlassenzimmern, in den Büroräumen, in den Supermärkten,
auf den Treffen der Wirtschaftschefs. Und Tanzen steht dabei für
Veränderung, radikale Veränderung...« (Der vollständige
Redetext wird voraussichtlich in einer der nächsten Mushroom-Ausgaben
zu finden sein.)
Beispielhaft für die Ausrichtung des Gatherings bildete der anschließende
Beitrag von Cinnamon Twist einen Gegenpol, der sich mit der Frage »KannTrance-Tanz
den Planeten retten?« beschäftigte. Im Rahmen seiner positiven
Antwort beschrieb Cinnamon eine »gemeinschaftliche psychedelische
Trance als ein direktes Gegengewicht zur zerstörenden Selbstgefälligkeit
der westlichen, technisch- industriellen Mega- Maschine, die wahnhaft
alles tut, um den Planeten Erde zu zerstören.« Cinnamon bezog
sich dabei auf positive Energien, die durch den Tanz freigesetzt werden.
»Obwohl sie von unterschiedlichen Begriffen ausgehen, glauben viele
Stammeskulturen, dass sie mit ihren rituellen Tänzen etwas bewegen
können. Sie sind notwendig, um die natürliche Balance aufrecht
zu erhalten, um Regen herbeizurufen, um Krankheiten zu heilen, um die
Dinge in Bewegung zu halten. Deshalb sind diese Tänze für sie
heilige Tänze. Und im Grunde ist nicht nur die Form des Tanzes bzw.
das, was die Tänzer Innen damit verbinden, heilig. Heilig ist vorallem
das, was sie damit erzeugen: eine kollektive Energie.«
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SF 73
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