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gruppe demontage:
Zum Beispiel: Rote Flora
Im Dezember 2000 wurde innerhalb der Roten Flora beschlossen, keine Verhandlungen
mit der Stadt Hamburg über etwaige Nutzungsverträge zu führen.
Im April stimmt die Hamburger Bürgerschaft dem Verkauf des Gebäudes
an einen Immobilienkaufmann zu. Allgemein wird dieses Vorgehen als wahltaktisches
Kalkül der SPD verstanden. Am 23. September finden in Hamburg die
Wahlen zum Landesparlament, der Bürgerschaft, statt. Doch unabhängig
von parteipolitischen Interessenlagen ist die Privatisierung »umkämpfter
Räume« weder einmalig noch besonders gewitzt. Am Beispiel der
Entwicklung des »Standort Schanze« wird eine Stadtplanung
deutlich, die partikularen Interessen dient. Die von der Handelskammer
begrüsste Aufwertung des Stadtteils folgt keinen allgemeinen Wünschen
nach verbesserter Lebensqualität, sondern dient einer wirtschaftlichen
Umstrukturierung. Öffentliche Räume werden dabei zunehmend nach
ökonomischen Nutzen umgestaltet, um dann lukrativen NutzerInnen überlassen
zu werden, während andere Stadtgebiete sich selbst überlassen
werden. So entstehen Stadtbilder, in denen Widersprüche unschwer
zu erkennen sind.
Der illegale Drogenhandel wird nach rassistischen Merkmalen verfolgt,
während die »Leitgesellschaft« den kulinarischen Multikulturalismus
lobt. Weiche Standortfaktoren sollen die Ansiedlung bestimmter Branchen
fördern deren Beschäftigte Lohnarbeit als organisierte Selbstverwirklichung
verstehen. (Sub)kulturelle Angebote bilden dabei die Klammer zwischen
Erwerbsarbeit und Freizeit.
Steigende Mieten als Ergebnis der Aufwertung eines Stadtteils werden für
die Bevölkerung mit geringeren Einkommen langfristig unbezahlbar.
Gleichzeitig zu diesen Verdrängungsprozess werden Partizipationsangebote
gemacht, die zur aktiven Mitgestaltung des Stadtteils durch die BewohnerInnen
einladen. Paradoxerweise organisieren die BewohnerInnen in den entsprechenden
Gremien gerade ihre eigene Verdrängung mit.
Zur Auseinandersetzungen um die Rote Flora in Hamburg
Nachdem Hamburg Anfang der achtziger Jahre im Bundesvergleich von der
ökonomischen Spitze ins Mittelfeld abgerutscht war, hielt der damalige
SPD Bürgermeister Klaus von Dohnanyi 1983 vor dem Überseeclub
eine einschneidende Rede. Bei dem Überseeclub handelt es sich um
den Szenetreff der ökonomischen Elite Hamburgs. Dohnanyi setzte sich
in seiner Ansprache von dem sozialdemokratischen Modell der gesellschaftsübergreifenden
Daseinsfürsorge ab, indem er das Leitbild einer »Unternehmensstadt«
propagierte. Die Stadt wurde fortan als regionaler Wettbewerbsstaat gesehen,
der wie ein Unternehmen um Marktanteile und Profite kämpft. Nicht
mehr die unmittelbare ökonomische Aktivität durch städtische
Unternehmen und die Vergabe von direkten Subventionen stand auf der politischen
Tagesordnung, sondern die Schaffung eines wirtschaftsfreundlichen Investitionsklimas.
Die Zusammenarbeit von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung
wurde durch privatwirtschaftlich organisierte Wirtschaftsförderungsgesellschaften
gestärkt. Dabei bestimmt die Handelskammer, wie die privaten Förderungsgesellschaften
arbeiten, während der Senat die notwendigen Mittel bereit stellt.
Gleichzeitig wurden in Folge des relativen Niedergangs des wirtschaftlichen
Konglomarats von Hafen, Handel, Werft- und Schwerindustrie gezielt zukunftsträchtige
Branchen wie Kommunikationstechnologien, Medizintechnik, Flugzeugbau oder
die Medienindustrie aufgebaut und gefördert. Außerdem versucht
der Senat, die sogenannten weichen Standortfaktoren wie Wohnqualität,
Freizeit und Kultur zu stärken, damit sich die neuen Mittelschichten
in Hamburg wohlfühlen. Diese Strategie war bisher ökonomisch
recht erfolgreich, so dass sie bundesweit zum Allgemeingut neo-liberaler
Standortpolitiker geworden ist.
Die Ziele seiner gegenwärtigen Umstrukturierungspolitik hat der rot-grüne
Hamburger Senat in Person seines Bürgermeisters Ortwin Runde wiederum
in einer Rede vor dem Überseeclub offen gelegt. Rundes Ansichten
aus dem Jahr 2000 knüpfen an die von Dohnanyi eingeleitete Politik
an. Unter dem Titel »Aufbruch in die Wissensgesellschaft: Hamburg
gestaltet Zukunft« wird konstatiert, dass Hamburg unter den deutschen
Städten die Nummer eins in der Informationstechnologie und der Multimedia-Wirtschaft
ist. Die jetzt 60.000 Beschäftigten in diesem Bereich sollen in Zukunft
noch einmal verdoppelt werden. Dafür mahnt Runde auch eine Ausbildungsoffensive
an, damit der Neuen Ökonomie die Arbeitskräfte nicht ausgehen.
In diesem Zusammenhang wirbt er vor der Kapitalelite für eine solidarische
Stadt, in der »jeder seine Chance bekommt«. Dieses Konzept
einer sozialen Stadt verweist auf die zwischenzeitlich aufgetretenen Probleme
der neoliberalen Umstrukturierung. Die gesellschaftliche Polarisierung
soll abgefedert oder zumindest kaschiert werden, um den sozialen Frieden
zu sichern und eine ausreichende Zahl von qualifizierten Arbeitskräften
bereit zu halten.
Runde appelliert dabei nicht nur an die vermeintlich klugen, weil ausgleichenden
Fraktionen des Kapitals, sondern seine Rede offenbart auch bei der Analyse
der Mikroebene eine differenzierte Einschätzung der sozioökonomischen
Entwicklung. In einem Rundumschlag lobt Runde das multikulturelle und
alternative Flair des Schanzenviertels. »Und«, so Runde, »es
ist doch hoch spannend, wohin es die jungen und kreativen Leute aus den
neuen Branchen zieht. Es zieht sie ins Schanzenviertel, ... wo sich Urbanität
entfalten kann, wo durch das Miteinander des Ungleichen und Ungleichzeitigen
eine kreative Spannung entsteht.« Ein Vertreter der Handelskammer
stellte sich in der Debatte nach den Krawallen in der Nacht zum 1. Mai
2000 sogar ausdrücklich hinter das autonome Stadtteilzentrum Rote
Flora: »Wer die Schanze kennt, weiß, dass die Flora dort nicht
als Fremdkörper empfunden wird auch nicht von den Gewerbetreibenden
vor Ort. ... Die Flora ist mit ihrem morbiden Charme sogar zu einem Image-Faktor
für das Viertel geworden. ... Für die Gewerbetreibenden ist
die negative Berichterstattung einiger Medien weitaus schädlicher
als die Ausschreitungen.«
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SF 73
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