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Wolf Dieter Vogel:
Ein fabelhaftes Laboratorium
Es gab auch Spielverderber.
Wie zum Beispiel Hebe de Bonafini. Die Sprecherin der argentinischen »Madres
del Plaza de Mayo« kritisierte, das Weltsozialforum sei entstanden,
»um die Globalisierung zu bekämpfen, nicht, um sie humaner
zu machen«. Und die Berliner »Jungle World« unkte: »Was
die Redner auf den Gipfeltreffen in New York und Porto Alegre trennte,
waren lediglich mehrere Flugstunden.«
So recht mögen solche Statements über das II. Weltsozialforum
(WSF) in Porto Alegre nicht mit den Reden zusammenpassen, die in der südbrasilianischen
Metropole Anfang Februar gehalten wurden. »Neoliberale Organisationen
wie der Internationale Währungsfonds, die Weltbank und die Vereinten
Nationen haben keine Legitimation mehr«, erklärte etwa Walden
Bello von der NGO »Focus on the Global South«. Der Lateinamerika-Experte
James Petras forderte, man müsse »zu einer antiimperialistischen
Bewegung« übergehen.
Der Theoretiker Immanuel Wallerstein fasste die historische Bedeutung
des globalisierungskritischen Widerstands zusammen. Die alte Strategie
der Linken habe auf kommunistische und sozialdemokratische Parteien aufgebaut,
sei zentralistisch strukturiert gewesen und habe auf nationale Befreiung
sowie staatliche Machtübernahme gesetzt. Das WSF sei nun Ausdruck
einer Alternative: »Es existiert keine zentralistische Struktur,
im Gegenteil, Porto Alegre ist eine sehr flexible Koalition transnationaler,
nationaler und lokaler Bewegungen mit verschiedensten Prioritäten.«
Man kann das WSF nicht von den Ereignissen trennen, in denen sich die
globalisierungskritische Szene in den vergangenen Jahren entwickelt hat.
Hier spielt der Zapatistenaufstand in Chiapas und ihr Prinzip des »Preguntando
caminamos« (fragend gehen wir voran) eine große Rolle, ebenso
die argentinischen Asambleas, in denen sich die Bevölkerung des Landes
derzeit gegen die wirtschaftliche Krise organisiert. Nicht zufällig
erklärt ein Genua-Aktivist in Porto Alegre, Argentinien sei »ein
fabelhaftes Laboratorium für den Widerstand«.
Wer diese Entwicklungen ignoriert, bleibt hilflos gegenüber der hoffnungsvollen
Dynamik, die durch das WSF zum Ausdruck kommt. Dass Bewegungslinke nun
die »emanzipative Diversität« von Porto Alegre II bejubeln,
in der »Dominanzverhältnisse« überwunden seien,
ist jedoch naiv. Schon die Zusammensetzung des WSF spricht für sich:
Unter den sechs teilnehmerstärksten Staaten finden sich Frankreich,
Italien und die USA neben Brasilien und den Nachbarländern
Argentinien und Uruguay. Bewegungen und Organisationen, die nicht aus
der Region kamen, sowie kleine NGOs mussten fernbleiben. Finanzkräftige
NGOs oder Parteien (-stiftungen) erlangen so zunehmend mehr Einfluss.
Das bringt den vermeintlichen Gegner auf den Plan. Denn die Eliten aus
Politik und Wirtschaft, die sich gleichzeitig auf dem New Yorker Weltwirtschaftsforum
(WEF) trafen, waren für jede Anregung ihres Pendants im Süden
Brasiliens offen. Nicht zuletzt die argentinische Krise hat deutlich gemacht,
dass mit zügelloser Privatisierung und restriktiver Währungspolitik
auf Dauer kein stabiler Staat zu machen, also auch keine Verwertung zu
haben ist.
Damit treffen sich die Interessen des WEF mit denen des Netzwerks Attac
oder der brasilianischen Arbeiterpartei (PT), die beide auf sozialdemokratische
Regulierung setzen. Das von der PT regierte Porto Alegre und dessen Prinzip
des »partizipativen Haushalts« wurde zum Vorzeigemodell des
WSF: In der südbrasilianischen Millionenstadt entscheiden rund 100
000 Menschen mit, ob die Steuereinnahmen für Polizeiknüppel
oder Kindergärten ausgegeben werden.
Zweifellos kann man dem »glücklichen Hafen« Südbrasiliens
die eine oder andere soziale Komponente abgewinnen. Mit dem von vielen
GlobalisierungskritikerInnen formulierten »Kampf gegen den Imperialismus«
hat das alles jedoch wenig zu tun. Ob der ehemalige Innenminister von
Frankreich, Jean-Pierre Chevènement, der brasilianische PT-Präsidentschaftskandidat
Luiz Inacio Lula de Silva oder die baskischen Nationalisten von »Batasuna«
- man vereint sich in der Gegnerschaft zum »Neoliberalismus«,
dem Schimpfwort für alle Boshaftigkeiten, die kapitalistische Verwertung
so mit sich bringt. Jenseits findet sich freilich zwischen Keynesianismus
und sozialer Revolution ein weites, widersprüchliches Feld. Deshalb
verständigt man sich lieber auf einen gemeinsamen Feind: die USA.
Fast alle Regierungen der Welt hätten die USA zum »Agenten
des permanenten Terrors« delegiert, heißt es in einer WSF-Erklärung
zum »Antiterrorkrieg«.
Zum Abschluss des WSF mobilisierte man zu einer Kundgebung gegen die geplante
FTAA, einer gesamtamerikanischen Freihandelszone von Alaska bis Feuerland.
Damit können sich die GlobalisierungskritikerInnen gleich zweier
Partner sicher sein: Der brasilianische Präsidentschaftsanwärter
de Silva kritisiert die FTAA, weil sie in Konkurrenz zum Mercosur, dem
gemeinsamen Markt Argentiniens, Brasiliens, Uruguays und Paraguays steht.
Und auch in der EU, dem wichtigsten Handelspartner des Mercosur, freut
man sich über die Kritik am FTAA. Schließlich arbeiten die
Europäer derzeit auf eine engere Zusammenarbeit mit dem »Markt
des Südens« hin. Folgerichtig empfiehlt ein EU-Unterausschuss,
man möge »die lateinamerikanisch / karibischen Organisationen
des Weltsozialforums« als kompetente Gesprächspartner einbeziehen.
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SF 74
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