Wolf Wetzel:
Antideutsche Kriegsführung

Wenn im folgenden von ›Antideutschen‹ die Rede ist, dann ist damit eine Positionierung gemeint, die sich eigentlich in Gegnerschaft zu Kapitalismus, (deutschem) Nationalismus und Imperialismus wähnt, aber – aufgrund außergewöhnlicher Umstände – davon absieht, um an der Seite der US-Alliierten etwas noch ›Schlimmeres‹ zu verhindern. Im Zentrum vieler antideutschen Argumentationsfiguren steht deshalb die Begründung eines Ausnahmezustandes, der das ›eigentlich richtige‹, sprich das eigene politische Handeln, zugunsten einer Kriegsbefürwortung suspendiert, die mit den us-alliierten Kriegen gegen die »Achse des Bösen« zusammenfällt.
Die Paradoxie, das ›eigentlich falsche‹ für das ›jetzt richtige‹ zu halten, ist nicht besonders originell und schon gar nicht einmalig. Das Ganze hat Geschichte – und wenn sie sich wiederholt, dann als Farce.
Die bellizistische Linke machte von sich reden, als sie im Zuge des us-alliierten Krieges gegen den Irak 1991 antifaschistisches Gedankengut in die Kriegsschatulle der Kriegskoalitionäre warf, um so dem stink-normalen imperialistischen Krieg eine moralische und politische Legitimation zu verleihen.
Zwischen dieser bellizistischen Linken und den Antideutschen besteht aber auch ein Unterschied.
Als die bellizistische Linke 1991 den US-alliierten Krieg gegen den Irak befürwortete, lag das Epizentrum politischer Erschütterungen noch in der Mitte einer linken, liberalen und pazifistisch-gesinnten Öffentlichkeit. Sie sollte auf Kriegskurs gebracht werden. Am besten war sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Mit der Konversion antifaschistischer Denkfiguren zu kriegstauglichen Begründungen hatte die bellizistische Linke staatstragende Bedeutung erlangt – was sich bis ins deutsche Außenministerium hinein bezahlt machte.
Heute streitet die ›liberale‹ Öffentlichkeit nicht mehr über das prinzipielle ›Ob‹, sondern über das nuancierte ‹Wie‹. Heute streitet die ›liberale‹ Öffentlichkeit nicht mehr über die Notwendigkeit von Krieg, sondern über den notwendigen Grad der Enttabuiiserung des Militärischen. Dieser Transformationsprozeß kann als abgeschlossen bezeichnet werden. Der Umbau der Grünen von einer pazifistischen (Oppositions-)Partei hin zu einer kriegsführenden (Regierungs-)Partei in weniger als 10 Jahren fügt sich darin nahtlos ein.
In diesem Kontext sind antideutsche Kriegsbegründungen und- befürwortungen bedeutungslos. Sie werden als Argumentationshilfen und –(Kriegs-)anleihen nicht mehr gebraucht.
Mit dem folgenden Beitrag möchte ich den Versuch unternehmen, aus dem mittlerweile ermüdenden Kreislauf antideutscher Beiträge und entsprechender Widerreden auszuscheren. Meine Absicht ist, einen Grundriss zu zeichnen, der sich aus den verschiedenen antideutschen Kriegsbeiträgen ergibt.
Nicht alle antideutschen Positionen münden automatisch in Zustimmung von US-alliierten Kriegen. Genauso wenig sind alle Kritiken an antisemitischen Positionen in der radikalen Linken, an nationalen Befreiungskonzepten und antiimperialistischen Strategien nur deshalb falsch und unbedeutend, weil sie in einen antideutschen Diskurs miteingebunden sind.
Mir geht es also nicht um personelle Zuschreibungen, sondern um die Architektur des antideutschen Kriegsdiskurses. Damit einher geht der Anspruch, an den verschiedenen Knotenpunkten antideutscher Erzählweisen inne zu halten, um Gegenpositionen deutlich zu machen.
Antideutsche, antinationale Positionen haben sich nicht neu erfunden. Sie sind aus der Kritik all zu schlichter und einfacher Imperialismusanalysen und Solidaritätsbekundungen (von ›USA-SA-SS‹ bis hin zum ›Sieg im Volkskrieg‹) hervorgangen. Sie wuchsen an der Kritik einer internationalistischen Solidaritätsarbeit, die die eigenen Kämpfe um Befreiung an die Guerilla in Latein- und Mittelamerika delegierte, die den bewaffneten Kampf am Feind maß und nicht an den gesellschaftlichen Vorstellungen, die darüber hinauswiesen.
Es gehört zur Ironie antideutscher Begebenheiten, dass sie sich aus und in diesen (produktiven) Brüchen und Widersprüchen entwickelten, um mit ihrem neugeschaffenen Weltbild – unter anderen Vorzeichen – dort zu enden, wo selbst die politischen Kurzschlüsse der 70er und 80er Jahre nicht hinreichten.
Ich werde mich im folgenden i.w. auf die Stellungnahmen und Ereignisse rund um den in Afghanistan begonnenen US-Alliierten (Welt-)Krieg 2001 konzentrieren.

 

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