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Michael Wilk:
Global Governance versus Emanzipation
Global Governance,
das Werkzeug der Maschinisten.
Die durch neoliberale Globalisierungsdynamik hervorgerufenen gesellschaftlichen
Prozesse, die Ausgrenzung (Separierung) und Hierarchisierungstendenz,
sowie veränderte Aufgaben des Staates, die Verlagerung von Machtbefugnissen
auf internationale nichtstaatliche Institutionen, führten schon vor
Jahren zu einer intensiven Debatte über die Möglichkeit einer
regulierenden Intervention, die auch
den veränderten Herrschaftsmechanismen Rechnung trägt. Der Diskurs
über die Möglichkeit Globalisierung anders zu gestalten,
gleichsam eine positive Form der vorherrschenden neoliberalen entgegenzustellen,
wird breit getragen. Exemplarisch für einen solchen Diskurs ist die
Auseinandersetzung über Global Governance. Dieser Begriff,
erlaubt weniger eine klare Übersetzung, sondern erfordert vielmehr
eine an den jeweiligen Nutzer gebundene Interpretation.6 Global Governance,
etwas strenger übersetzt als Globale Ordnungspolitik
oder gar Weltordnungspolitik, findet vor allem auch Anhänger
unter den sozialdemokratischen- sozialistischen Parteien Europas, die
seit Ende der 90er Jahre einen Teil der europäischen Regierungen
stellen, und ebenso wie die Grünen in der BRD die Bändigung
des durch den neoliberalen Globalisierungsprozess entfesselten Kapitalismus
proklamieren, ohne jedoch die zugrunde liegende Macht und Herrschaftsmechanik
grundsätzlich in Frage stellen zu wollen.
Supranationale Einrichtungen wie IWF, Weltbank und WTO stehen als globale
Herrschaftsinstitutionen für eine Neustruktur von Macht, jenseits
des klassischen Staates. Global Governance trägt dieser
veränderten globalisierten Machtstruktur Rechnung, indem sie nicht
auf eine neue Regierungsstruktur innerhalb eines Nationalstaates abzielt,
sondern vielmehr die Möglichkeit eines Zusammenwirkens verschiedener
Staaten, internationaler Institutionen, diverser supranationaler ökonomischer
Institutionen und sogar darüber hinaus auch Nichtregierungsorganisationen
beschreibt. Die Option formelle und informelle Beziehungen, international,
als auch innerstaatlich sowie lokal zusammenwirken zu lassen, erscheint
vielen als Chance die Probleme neoliberaler Globalisierung in den Griff
zu bekommen. Im machtpolitischen Sinne geht es darum, den Verlust an nationalstaatlicher
Steuerungsfähigkeit auszugleichen und neue, globalisierungsgerechte
Formen der Einflussnahme zu eröffnen. Global Governance-Konzepte
unterscheiden sich vom zentral-autoritären Projekt der neuen
Weltordnung des US-Präsidenten Bush, in dem sie nicht die stromlinienförmige
Gleichrichtung von Politik und Wirtschaftsmodellen forciert, sondern in
dem sie eine Fülle verschiedener Strukturen interaktiv zu verbinden
sucht. Das integrative Zusammenwirken verschiedener Akteure im Gestaltungsprozess
Globalisierung stellt jedoch nie die vorhandenen Herrschaftsinstitutionen
in Frage. Im Gegenteil: Als Kooperationspartner ist die Basis einer gestalterischen
Zusammenarbeit die Akzeptanz der institutionalisierten Macht. Im Kontext
eines Prozesses, der mit Globalisierung auch einen Verlust
an bewährtem Herrschaftsinstrumentarium im Sinne einer sozial-integrativen
Politik beschreibt, stellt Global Governance einen politischen Reformansatz
dar, der diese Option neu eröffnen soll. Es handelt sich in diesem
Sinne auch um den Versuch einer Neugestaltung von Staatlichkeit, die nicht
nur die hierarchisierende Maxime neoliberaler Ökonomisierung umsetzt,
sondern ebenso Ebenen sanfter Herrschaft im Sinne der Integration
und Utilisation von Gegenläufigem nutzt. Die Debatte zielt
auf den Ausbau der internationalen Kooperation unter Einbeziehung aller
Politikfelder einschließlich der Nichtregierungsorganisationen
und Gewerkschaften-, die Rückgewinnung der staatlichen Steuerungsfähigkeit
und die Schaffung eines globalen Ordnungsrahmens in einer globalisierten
Ökonomie.7 Der in diesem Sinne geführte Global Governance-Diskurs
bezieht sich auf gewerkschaftliche Interessen ebenso, wie auf politische
Leitbilder, wie die der Agenda 218 oder auch auf den Begriff der Nachhaltigkeit,
die für sich ökonomiekritische Aspekte mit reformistischen Gestaltungswillen
verknüpften. Auf dieser Grundlage weckt Global Governance Begehrlichkeiten;
jeder der genannten Akteure wird zum Globalisierungsgestalter, Jeder und
Jede, wird verantwortliche(r) KonstrukteurIn des Globalisierungsverlaufs.
Der Reiz eines scheinbar offenen Prozesses, eines freien
Spiels der Kräfte, lässt die Illusion entstehen, im großen
Rahmen Einfluss nehmen zu können, ohne die hären Ziele eine
andere Welt ist möglich (attac), aus dem Auge zu verlieren.
Während es für sozialdemokratischen und grünen Regierungsträger
darum geht, im Ringen um formal-politische Hegemonie Unterschiedlichkeit
gegenüber klassisch neoliberalen Positionen zu zeigen und über
die Apostrophierung von Global Governance-Konzepten Einflussverluste im
Bereich alter und neuer sozialer Bewegungen wettzumachen, laufen andere,
nicht parteilich orientierte GlobalisierungskritikerInnen Gefahr, zum
Rädchen im Globalisierungsgetriebe zu werden. Global Governance beschreibt
und verspricht die Beeinflussungsmöglichkeit globaler Herrschaftsstrukturen
gerade auch durch NGOs und soziale Bewegungen, aber eben um den
Preis der Mitgestaltung, die eine innere Ausrichtung auf zentrale Herrschaftsinstanzen
und eine damit verbundene adaptierte Sicht der Dinge auf der Grundlage
einer Mindestakzeptanz beinhaltet. Es geht, etwas vereinfacht ausgedrückt,
nicht mehr um die Zerstörung von Macht und Herrschaft, sondern um
die Gestaltung von Macht und Herrschaft. Das Hochgefühl und der Eindruck
massenhaften Protest von Seattle und Genua, sind weniger durch die Wasserwerfer
und Polizeiknüppel beherrschbar, als vielmehr durch die weit zur
Umarmung ausgebreiteten Arme der integrationsbereiten Global Governance-Protagonisten.
Die Leimruten der Integration werden gelegt, und je nach struktureller
und inhaltlicher Beschaffenheit der globalisierungskritischen Organisation
wird mehr oder weniger gierig danach gegriffen.
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SF 76
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